Zur Diskussion gestellt: Türkischer Nationalismus und die Transformation des Kemalismus

Auf zahlreichen nationalen deutschen Seiten ist derzeit viel von der Türkei und auch vom Kemalismus bzw. türkischen Nationalismus die Rede – was angebracht ist. Möglicherweise kann es hier von Interesse sein sich mal kurz anzusehen was türkischer Nationalismus meint und welche unterschiedlichen Strömungen es gibt. Kemal Atatürks Kemalismus, der aus der „jungtürkischen Bewegung“ hervor ging, war eine nationalistische Reformbewegung, die sich gegen den osmanischen Obskurantismus richtete und zahlreiche soziale Reformen durchführte. Ausgeprägt war hier auch die antiimperialistische Stoßrichtung („Frieden im Inneren, Frieden in der Welt“). Der Begründung war der nationalistische Kemalismus jakobinnisch beeinflusst und im eigentlichen Sinn nicht völkisch. So war Atatürks Türkei neben der Türkei nach dem 1. Weltkieg der einzige Anti-Versailles-Staat. In diesem Zusammenhang ist auch der „Armenier-Völkermordvorwurf“ eher zweifelhaft und unhistorisch.

Die völkische Stoßrichtung im türkischen Nationalismus stammt von Enver Pascha, der sich mit Atatürk überwarf. Auf seinem Denken bauen die Grauen Wölfe und die MHP (Partei der nationalen Bewegung) auf. Hier geht es um die turanische Rasse, so das man von einem großtürkischen Reich bis hin nach Turmenistan und chinesisch Xinjiang träumt (die Uiguren sind ein turkstämmiges Volk). Der Kemalismus stützt sich auf die für Sunniten „ketzerische Sekte“ der Aleviten. Die MHP-Richtung ist rein sunnitisch geprägt, strikt Antialevitisch, so das wir dort eine Vermischung von turanisch-Großrassentum und islamistischen Ansätzen vorfinden. Erdogan kann man wenn man es nicht ganz genau nimmt auch als türkischer Nationalist gesehen werden, der seinen Nationalismus islamistisch durch den osmanischen Imperialismus begründet. Erdogan hat bestimmte Teile aus dem Kemalismus übernommen und islamistisch umgedeutet. Vereinfacht ausgedrückt ist der Kemalismus „französisch“, der Panturanismus „deutsch“ und der Erdoganismus orientalischer Halb-„Nationalismus“.

Oftmals wird aber auf rechten Seiten einiges verwechselt. So war der Kemalismus kein „demokratisch-pluralistisches“ System, da Atatürk in Form einer Ein-Parteien-Herrschaft regierte. Die Verfolgung von Kurden ist keine Spezialität Erdogans, sondern des Kemalismus. Islamisten versuchten eher erfolglos auf das gemeinsame Sunnitentum von Türken und Kurden zu verweisen, während bei Kemalisten und Großturanern auf den Unterschied zwischen „arischen“ Kurden und Turanern hingewiesen wird. Auch hatten sich die kurdischen Stämme unter der Führung ihrer feudalistischen Führer am längsten gegen die Säkularisierung der Türkei gewehrt und natürlich gegen Atatürks Sozialprogramm und Landreformen. Die marxistisch-säkulare Stoßrichtung kam erst in den 80er auf. Davor galten die Kurden als besonders konservative oder „reaktionäre“ Muslime.

Atatürk ähnelte etwa seinem System nach in den Grundzügen Hafiz Al Assad und Saddam Hussein – mit „Demokratie“ hatte das nun nichts zu tun, was aber nicht unbedingt als Kritik zu verstehen ist. In dem Punkt des westlichen Demokratiefetisch ist Erdogan sicherlich im Gegensatz zum Kemalismus noch im Verhältnis gesehen „Demokrat“. Die türkische Volkspychologie ist aber im Kern, wie die arabische, Autoritätsliebend und nicht „demokratisch-pluralistisch“.

Das BRD-Geschrei die Türkei werde undemokratisch ist lächerlich, weil die Türkei noch nie in ihrer Geschichte demokratisch war und es auch nicht werden wird. „Demokratie“ entspricht ganz einfach nicht der türkischen Tradition, Geschichte und auch nicht dem Volkswillen. Dies würde ich den Türken auch gar nicht vorwerfen. Atatürk war wie Gaddafi, Saddam, Nasser und Assad ein nationalistisch-säkularer „Diktator“ und KEIN „Demokrat“. Dies würde ich den Türken auch gar nicht vorwerfen. Erst die „Demokratisierung“ des Kemalismus nach dem Tot Attatürks hat dazu geführt das sich der Kemalismus Pro-NATO und wirtschaftsliberal verformte und verfälschte. Erdogan wurde erst möglich durch den Verrat an den kemalistischen Ideale und die Transformation in eine neoliberale Pro-NATO-Ideologie.

Verfasser: Sozrev

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