Besprechungen (28)

Der den SdV-Lesern bekannte Autor Werner Bräuninger hat sich an ein besonders heißes Eisen herangewagt. Aus seinen jahrelangen Recherchen über Michael Kühnen ist eine über 700 Seiten starke Biographie entstanden. In chronologischer Reihenfolge erzählt der aus Hessen stammende Historiker Leben und politisches Wirken des bekanntesten deutschen Neonazi-Führers der Nachkriegszeit. Bräuninger läßt die Quellen sprechen, hat mehrere Archive ausgewertet und zig Zeitzeugen befragt.

Zum Werk zählt ein umfassender Anmerkungsapparat und Bildteile; das Personenregister verdeutlicht, daß der Autor hier nicht nur eine Biographie im engeren Sinne vorgelegt hat, sondern im Grunde genommen eine Geschichte der NS-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre. Zahlreiche Personen der Zeitgeschichte – von „A“ wie Althans bis „W“ wie Worch -, die teilweise auch heute noch unter uns weilen, kommen darin zu Wort.

Aber auch die gesamte nationale Rechte – NPD, DVU und REP usw. – wird in den Kontext mit einbezogen. Kühnen, Jahrgang 1955, ging es um nichts anderes als die seit dem 8. Mai 1945 andauernde „lange Nacht des Nationalsozialismus“ in Deutschland mit Gründung der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS)“ zu beenden.

Siehe hierzu auch:

In Folge des Verbots verbrachte Kühnen acht Jahre in Gesinnungshaft. Er galt aufgrund des Uniformfetischismus seines Spektrums den bürgerlich Nationalen als „Spinner“ und „Provokateur“, sein Aids-Tod und das ihn umgebende Homosexuellen-Milieu waren Quellen des Spotts und des Hasses aus dem völkischen Spektrum. Nichtsdestotrotz wirkte Kühnen aufgrund seines Aussehens, seines Charismas und seiner Rednergabe attraktiv auf Männer wie auf Frauen. Seine beachtliche Intelligenz und Bildung, die er in seinen Schriften zum Ausdruck brachte, machte ihn anziehend für Intellektuelle – auf der Rechten (Hans-Dietrich Sander) wie auf der Linken (der jüdische Dichter Erich Fried).

Die in der BRD gegründete ANS wie die in Österreich ins Leben gerufene „Volkstreue außerparlamentarische Opposition (VAPO)“ sollten als Vorläufer zur Machtergreifung der NSDAP dienen. Gottfried Küssel, Kühnens Gefolgsmann in Österreich, forderte 1991 gegenüber einem Fernsehsender die Wiederzulassung der NSDAP, wofür er jahrelang hinter Gittern verschwand. Die Neonazi-Szene legte den Finger in die Wunde des Tabus „NSDAP“. Das Wiedergründungsverbot ist Folge der Fremdherrschaft über Deutschland und Österreich. Allerdings entspricht die Sehnsucht nach der NSDAP einem Glauben bzw. einem zivilreligiösen Bekenntnis und ist nicht Ausdruck einer stringenten politischen Analyse. Das NSDAP-Verbot ist Symptom des Souveränitätsverlustes. Die Frage, wozu man eigentlich heute die NSDAP als Wahlpartei braucht, um dem Ziel der Wiedergewinnung der deutschen Souveränität näher zu kommen, konnte bislang von den Führern der Neonazi-Szene nicht beantwortet werden. Aber auch wenn der NSDAP-Unsinn für jeden politikfähigen Deutschen auf der Hand liegen sollte, so sollte dennoch für jeden wirklich Nationalfreiheitlichen feststehen, daß über politischen Sinn und Unsinn in einem freien Staat nicht die Justiz zu entscheiden hat, weshalb auch die andauernde Gesinnungshaft gegen Gottfried Küssel aufzuheben ist.

Hat der Nationalsozialismus noch eine Zukunft? Diese provozierende Frage wirft Angelika Willig in „Neue Ordnung“ (Nr. 1/2016) auf.

Siehe hierzu:
http://www.neue-ordnung.at/

https://sachedesvolkes.wordpress.com/2016/04/05/fast-ein-deutscher-held/

Und in der Tat ist der promovierten Philosophin in dem Punkt zuzustimmen, daß die Zeit dafür nach 1945 noch nie so günstig gewesen war wie heute. Zu Kühnens Zeiten schien die Welt in zwei Blöcke in Stahlbeton gegossen zu sein. Mittlerweile ist der Sowjetkommunismus staatspolitisch im Orkus der Geschichte verschwunden, die Führungsmacht der Liberalismus bzw. Kapitalismus, die USA, haben ihren machtpolitischen Zenit überschritten, überall auf der Welt, auch in Europa regt sich der Nationalismus.

Aber die Frage nach der zukunftsfähigen Form des Nationalismus ist somit noch nicht beantwortet, die irgendwie national bzw. identitär und – nach Überzeugung des Verfassers – sozialrevolutionär sein wird. Gerade die Kühnen-Bewegung hat doch unbewußt demonstriert, daß die Lösung nicht in einem reaktionären „Zurück“ liegen kann. Dieser „Radikalismus“ hat sich als Sackgasse erwiesen, die dem System nutzt. Aber auch aus diesem Scheitern kann die junge Generation lernen, weshalb das Leben Michael Kühnens nicht umsonst gewesen sein muß. Und auch die bürgerlichen Patrioten sollten dazu lernen, das heißt Rechenschaft darüber ablegen, ob gerade auch ihr Spießertum und ihre Systemanpassung immer wieder Neonazi-Provokationen provoziert hat.

Jürgen Schwab

Werner Bräuninger: Kühnen. Portrait einer deutschen Karriere. Die Biographie. Gerhard-Hess-Verlag, Bad Schussenried 2016, S. 718, 39,80 Euro.

Siehe auch:
http://www.gerhard-hess-verlag.de/

https://www.amazon.de/K%C3%BChnen-Portr%C3%A4t-einer-deutschen-Karriere/dp/3873365685

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