SdV-Gespräch mit Dr. Reinhold Oberlercher über die Wissenschaften

SdV: Herr Dr. Oberlercher, das Internet-Lexikon „Wikipedia“ schreibt, sie haben von 1965 bis 1971 an der Universität Hamburg zunächst Psychologie, später Soziologie und zuletzt Pädagogik und Philosophie studiert. Wie bezeichnen Sie sich h e u t e selbst als Wissenschaftler? Als Philosoph? Soziologe? Psychologe? Pädagoge? Als dies alles zusammen? Oder als Geistes- und Sozialwissenschaftler?

Siehe hierzu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhold_Oberlercher

Dr. Reinhold Oberlercher: Bei Wikipedia ist fast alles falsch oder denunziatorisch. – Ich habe vom SS 65 bis zum SS 66 am Diplomstudiengang Psychologie teilgenommen; vom WS 1966 an habe ich elf Semester lang Pädagogik, Soziologie und Philosophie mit dem Studienziel Promotion studiert.

Nur dieser Studiengang war noch gänzlich frei und unreguliert, so wie einst Humboldt das akademische Ideal als „Einsamkeit und Freiheit“ konzipiert hatte. Auch bekam man beim Studienziel Promotion das Stipendium elf Semester lang. – Mein Hauptfach war die Pädagogik, weil ich mir in diesem Fach, das noch nicht einmal den Begriff ihres Gegenstandes geklärt hatte, die größte Chance einer wissenschaftlichen Grundlegung durch einen Einzelnen ausrechnete. – Nach neun Semestern hatte ich meine Dissertation „Zur Didaktik der politischen Ökonomie“ fertiggestellt und bei der Fakultät eingereicht, wo sie ein Jahr lang schmorte und abgelehnt wurde, als Vergeltung für 68. Ein konservativer Professor für Wirtschaftsrecht, der im Universitätsausschuß für den wissenschaftlichen Nachwuchs saß und dem diese Verfahrensweise nicht behagte, sorgte aber dafür, daß ich für zwei Jahre ein Doktorandenstipendium (1973-75) bekam und eine zweite Doktorarbeit (Theorien über die Arbeitskraft in der neueren Geschichte des pädagogischen und philosophischen Denkens, 1. Band: Komensky – Diesterweg – Makarenko) schreiben und mit ihr 1975 zum Dr. phil. promovieren konnte. Als ich nach einem Jahr den 2. Band dieses auf drei Bände angelegten ideengeschichtlichen Werkes, der die Beiträge behandelte, welche die philosophischen Klassiker „Von Bacon bis Marx“ zum Arbeitskraftbegriff geleistet hatten, als Habilitationsschrift vorlegte, hatte sich der Widerstand aus Altordinarien und Alter Linken zu einer geschlossenen Front verfestigt. Ich schrieb dann als zweite Habilitationsschrift eine „Allgemeine Theorie der Politik und des Rechts“ und legte sie 1979 bei den Politologen vor. Man lehnte es ab, sich mit dieser Schrift, in der ich den friedlichen Zusammenbruch des Ostblock vorhersagte, überhaupt zu befassen. (Gegen den heftigen Widerspruch eines CDU-nahen Politologen!) – So verfehlte ich mein Ziel, Privatdozent an der Hamburger Universität zu werden. Als Vorteil dieser Lage zeigte sich jedoch, daß ich von keinerlei Lehrpflichten behindert wurde und als Privatgelehrter meine ganze Lebensarbeitszeit darauf verwenden konnte, für jedes meiner Studienfächer ein System ihrer Kategorien vorzulegen und sie sämtlich (gemäß Hegels Forderung) als philosophische Wissenschaften abzuhandeln.

SdV: Naja, immerhin hat „Wikipedia“ die vier Studiengänge, die Sie besucht hatten, richtig wiedergegeben. – Wie analysieren und bewerten Sie als Wissenschaftstheoretiker den sogenannten Bologna-Prozeß bzw. die sogenannte europäische Studienreform?

Zum sogenannten Bologna-Prozeß siehe:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess

Dr. Reinhold Oberlercher: Ich bin kein Wissenschaftstheoretiker. Das Wort schon ist ein Unwort, das nichts begreift, denn jede Wissenschaft ist in ihrer Vollendung eine reine Theorie, die sich aus dem einfachen Begriff ihres Gegenstandes zum Gesamtsystem aller Entfaltungsmöglichkeiten dieses Grundbegriffes ausbreitet und dadurch philosophische Wissenschaft im Sinne Hegels geworden ist. – Die sogenannte europäische Studienreform ist offensichtlich nichts weiter als die Zerstörung der deutschen Universität, damit nie wieder so etwas Ähnliches wie 1968 geschehen kann.

SdV: „Theoretiker von Wissenschaft e n “ bewerten – in der Tradition von Schellings „Studium Generale“ – den sogenannten Bologna-Prozeß, da es sich hierbei um das Gesamtspektrum der Wissenschaften beziehungsweise um die gesamten Studiengänge, die in den EU-Mitgliedsländern angeboten werden, handelt. – Worin besteht nun die „Zerstörung der deutschen Universität“ genau, von der Sie soeben sprachen? Was halten Sie von der These, daß die sogenannte europäische Studienreform – in einer Art „Benchmarking“ – die europäische Landschaft der Studiengänge und somit der Universiäten in Warenform verwandelt, damit zum einen ähnliche Studiengänge und deren Studienordnungen – zur besseren Vermarktung – vereinheitlicht werden, und man zum anderen grundsätzlich das Studienangebot an den Bedürfnissen der Kapitalverwertung ausrichtet, das heißt zum Beispiel sogenannte Orchideenfächer – als „nicht nützlich“ – streicht?

Dr. Reinhold Oberlercher: Daß unter dem Einfluß des Produktionsfaktors Kapital die Universität ihre korporative Autonomie verloren hat, keine gelehrte Körperschaft aus Lehrlingen (Studenten), Gesellen (Doktoren) und Meistern (Professoren), also keine Wissenschaftler-Zunft mehr darstellt, kann als offenkundig spätestens seit der 68er Thematisierung abgehakt werden. Die Ausbildung an den Universitäten ist heute die Produktion von speziellen proletarischen Arbeitskräften für den kapitalistischen Arbeitskräfte-Markt, und teilweise geschieht dies schon durch privatkapitalistische Unternehmen, die darauf spezialisiert sind, das akademische Proletariat zu produzieren. – Daß also auch die pädagogische Produktion von Arbeitskräften aller Art kapitalisiert worden ist schließt nicht aus, daß es nach wie vor Ackerbauern und Handwerker und Kopfwerker gibt, die als Mittelstand, als produktionsmittelbesitzende selbständige Werker, auf althergebrachte wie auf neuerworbene Weise ihre Werke schaffen. Das gilt für die materielle wie für die geistige Produktion. Alle wirklich neuen und allgemeinbildungsrelevanten Inhalte und Werke werden von solch kopfwerkenden Mittelständlern geschaffen.

SdV: In einem Gespräch mit „Nordland-TV“ erklärten Sie nebenbei, daß es sich bei der Kommunikationswissenschaft nicht um eine Wissenschaft handele. Können Sie für unsere Leser Ihre Argumente kurz wiederholen und gegebenenfalls präzisieren?

Siehe hierzu (ab Minute 1:02):

Dr. Reinhold Oberlercher: Kommunikation ist der Austausch von Meinungen, Vertrag ist der Austausch von Rechten und Austausch ist der Händewechsel von Waren, der auch Transaktion genannt wird. Das Ganze ist also nichts anderes als das „do ut des“ des römischen Privatrechts. Es handelt sich um ein und denselben sozialen Vorgang, der lediglich in drei verschiedenen (zyklisch verbundenen) sozialwissenschaftlichen Sprachen ausgedrückt werden kann. Also ist Kommunikation keine Wissenschaft, sondern nur ein einzelner Terminus aus einer sozialwissenschaftlichen Unterdisziplin.

SdV: Selbstverständlich ist die Kommunikation an sich keine Wissenschaft, sondern ein banaler sozialer Vorgang, nämlich der Austausch von Nachrichten beziehungsweise Informationen. Der Absender kann auch zu mehreren Empfängern, zu einem Publikum von Buchlesern, Zuschauern, Hörern, Internetrezipienten sprechen, schreiben, senden. Insofern ist derjenige, der dies mit den Methoden der empirischen Sozialforschung untersucht, ein Wissenschaftler, der das Wissen über Kommunikationsabläufe unter Menschen schafft, darüber informiert und lehrt. Allerdings ist die Kommunikationswissenschaft keine eigenständige Wissenschaft, sondern eine interdisziplinäre Zusammensetzung von anderen Wissenschaften, nämlich als Mediensoziologie, Medienpsychologie, Medienpolitik, Mediengeschichte, Medienrecht, Mediensprache als Gegenstand von Sprachwissenschaften und so weiter und so fort. Wichtige Gebiete für Sozialwissenschaftler sind die Medienwirkungs- und die Mediennutzungsforschung. Die Kommunikationswissenschaft (beispielsweise an der Universität Bamberg) existiert an anderen deutschen Universitäten unter den verschiedensten Bezeichnungen wie Publizistik- und Kommunikatinswissenschaft (Universität Wien), Kommunikations- und Medienwissenschaft (Universität Leipzig). Zudem ist dieses Fach kein ganz neues Modefach, die Tradition dieses Faches reicht vielmehr auf die Zeitungskunde beziehungsweise die Zeitungswissenschaft bis 1916 in Leipzig (Institut für Zeitungskunde) zurück. – Eine andere Frage: Der Geschichsrevisionist Manfred Köhler behauptet das „Primat“ der „Wissenschaftsgebiete“, demzufolge die Naturwissenschaften gegenüber den Geschichtswissenschaften einen Vorrang besitzen würden. (Vgl. Manfred Köhler: Pressac und die deutsche Öffentlichkeit. In: Auschwitz. Nackte Fakten. Eine Erwiderung an Jean-Claude Pressac. Mit Beiträgen von Prof. Dr. Robert Faurission, Manfred Köhler, Carlo Mattogno, Serge Thion und einem Vorwort von Ernst Gauss. 1. Auflage, Stiftung VRIJ Historisch Onderzoek u.z.w., Berchem (Flandern) 1995, S. 19-30, hier S. 28. ) Jetzt einmal ganz allgemein, sind wir Geisteswissenschaftler vielleicht doch „Laber-Wissenschaftler“, die sich den streng empirisch arbeitenden Naturwissenschaftlern unterordnen sollten?

Dr. Reinhold Oberlercher: Die Philosophie ist der Anfang aller Wissenschaft und auch ihre Vollendung. Daß die Naturwissenschaften streng empirisch arbeiten würden, das ist eine Legende. Als Max Planck im Jahre 1900 die These aufstellte, daß das Licht weder aus Korpuskeln noch aus Wellen bestehe, sondern aus reinen Quanten, hatte er nicht nur recht, sondern bestätigte zugleich den Primat der spekulativen Philosophie vor der verstandesmäßigen Naturwissenschaft, denn er benutzte den hundert Jahre zuvor gefaßten Gedanken Hegels, des Vollenders der Werdensgeschichte der abendländischen Philosophie, daß die reine Quantität in der Natur der reinen Materie (als Raum-Zeit-Gleichheit) entspreche, und daß das Licht die Aufhebung der Materie sei: die immaterielle Materie.

SdV: Wenn Sie einmal zurückblicken und Ihr eigenes geistiges Schaffen der letzten gut 15 Jahre bilanzieren: Wie groß war bislang die Wirkung Ihrer Gedankenanstöße – und die ähnlicher Theoretiker – in Bezug auf die politische Praxis nationaler Parteien und Organisationen in Deutschland?

Dr. Reinhold Oberlercher: Meine Wirkung auf Parteien, Verbände und ähnliches war gleich Null. Die wirkliche geschichtliche Entwicklung aber folgt mir dicht auf den Fersen und ich habe Mühe, von ihr an Radikalität und Extremität, an tiefster Wurzelhaftigkeit und weitreichendster Wirkung, nicht eingeholt und überholt zu werden.

SdV: Lieber Herr Dr. Oberlercher, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Jürgen Schwab.

Zu unserem Gesprächspartner:

Siehe hierzu:
http://oberlercher.de/zur-person

Dr. Reinhold Oberlercher, geboren am 17. Juni 1943 in Dresden, ist ein deutscher Theoretiker, der sich im theoretischen wie im politischen Sinne als Nationalmarxist versteht. Theoretischer Nationalmarxismus ist das auf dem Hauptwerk von Karl Marx beruhende System der Sozialwissenschaften, also der vollendete Marxismus, und politischer Nationalmarxismus ist die programmatische Überwindung des historischen deutschen Nationalsozialismus.

Oberlercher studierte von 1965 bis 1971 Pädagogik, Philosophie und Soziologie an der Universität Hamburg. Er war in der 68er Bewegung aktiv, Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und gehörte als SDS-Theoretiker zur nationalrevolutionären Fraktion um Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Hans-Jürgen Krahl. Oberlercher leitete eine Arbeitsgruppe im Hamburger SDS, die „Das Kapital“ von Karl Marx zwischen 1969 und 1972 formalisierte und die Vollendung dieses Hauptwerkes des Marxismus ins Auge faßte. Daraus entstanden in den 70er Jahren die Debatten um die Staatsableitung, um eine marxistische Deduktion des Weltmarktes und der dazugehörigen Bewußtseinsformen. Dieses 68er Theorieprogramm lief darauf hinaus, ein vollständiges System der Sozialwissenschaften zu erstellen, das auf der Warenanalyse, der Wertformenlehre und der Gelddeduktion von Karl Marx beruhte. Diese marxistische Debatte verebbte mit dem roten Jahrzehnt der 70er Jahre, und Oberlercher hat das Programm dann bis 1986 allein ausgeführt und veröffentlicht („Die moderne Gesellschaft. Ein System der Sozialwissenschaften“, Bern 1987).

Zu Beginn des Jahres 1985 verbündete sich Oberlercher mit der national gesinnten Rechten wegen der absehbaren deutschen Teilvereinigung. Unter dem Einfluß des rechten Gemeinschaftsdenkens bemühte er sich um die Dialektik von Gemeinschaft und Gesellschaft und faßte deren Wechselwirkung im Begriff des Gemeinwesens zusammen („Lehre vom Gemeinwesen“, Berlin 1994). Im Oktober 1989 richtete Oberlercher an die DDR-Regierung seine „DDR-Denkschrift“, in der dargelegt wurde, wie die DDR durch eine eigene Wiedervereinigungspolitik den bloßen Anschluß an die BRD vermeiden könne; bekanntlich ohne Erfolg.

Im Herbst 1994 war Oberlercher Mitgründer des Deutschen Kollegs, das sich der theoretischen und programmatischen Schulung widmet und in dessen Rahmen es zwischen 1998 und 2004 zur Zusammenarbeit mit Horst Mahler kam. Es ist kennzeichnend für das Werk Oberlerchers, das 2014 mit dem „System der Philosophie“ zum Abschluß kam, daß er zu jedem seiner Studienfächer ein System abgeliefert hat.

Zu den wissenschaftlichen Methoden der SdV:

https://sachedesvolkes.wordpress.com/2014/12/08/die-wissenschaftlichen-methoden-der-sdv-1/

https://sachedesvolkes.wordpress.com/2014/12/16/die-wissenschaftlichen-methoden-der-sdv-2/

Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: