Freiheitliche Strategen in einer Sackgasse?

In einem Beitrag zur inneren Sicherheit hebt der von vielen geschätzte „Krone“-Kolumnist Tassilo Wallentin den „modernen, wehrhaften Staat Israel“ als „Vorbild“ im Kampf gegen IS-Terroristen im Judenstaat hervor. Dabei übersieht er, daß gerade dieser Staat als einer der Urheber des heutigen islamischen Terrors bezeichnet werden kann. Aber diese Nachsichtigkeit gegenüber einem aggressiven Zionismus wird nur noch übertroffen von der plötzlichen Judenliebe mancher Rechter, die mancherorts geradezu peinlich daherkommt.

Da kommt doch angesichts verdächtig liebdienerischer Gesten und Verhaltensweisen der Verdacht auf, so mancher rechtspopulistische Hansdampf würde, und man wird unwillkürlich an Hannah Arendts Zionismus-Kritik* erinnert, ebenfalls die Leidensgeschichte des Jüdischen Volkes (ist in Verlängerung das angeblich geschundene und bedrohte Israel) instrumentalisieren wollen, um seine eigene politische Notwendigkeit oder die seiner Partei zu legitimieren. Sind da aber nicht die NS-Judenpolitik verharmlosende Aussagen wie „Wir sind die neuen Juden“ (Strache) eigentlich kontraproduktiv?

Ebenfalls im Zusammenhang mit heraufziehenden (u. a. islamistischen) Gefahren verweist ein nationalkonservativer deutscher Publizist seinerseits auf dieses angeblich Heil bringende Israel, spricht aber schon deutlicher aus, was Strache zwar bereits verinnerlicht haben soll, aber nicht deutlich nach außen trägt: „Das „Rettende kommt von dem Volk Israel“. Daher, so der erwähnte Publizist, hätte es ohne diesen Monotheismus und Jesus Christus keinen deutschen Kulturstaat geben können. Auch da wird ihm der FP-Frontmann wahrscheinlich zustimmen. Und gewiß nicht nur er.

So haben sich seit einiger Zeit weitere rechtspopulistische Neo-Philosemiten dieser äußerst originellen Geschichtsauffassung angenähert und zu ihrer eigenen gemacht. Wobei sich so ganz nebenbei die Frage stellt, ob dieselben Polit-Abenteurer noch immer glauben, in diesen stürmischen Zeiten an der richtigen Seite der Judenheit angedockt zu haben. Besteht doch im Sinne des „Alles fließt!“ für ideologisch nicht gefestigte, gar von fremder Hand gesteuerte Berufspolitiker die Gefahr, von Wahl zu Wahl, wenn auch gut versorgt, auf der Ersatzbank ausharren zu müssen.

Daher verwundert es nicht, daß sich selbst beim freiheitlichen Publizisten und Ex-EU-Mandatar Andreas Mölzer bezüglich der bisherigen Andock-Versuche schon Zweifel eingestellt haben, erst recht nachdem sich zuletzt der israelische Staatspräsident gegen Kontakte mit „Rechtsextremen“ und „Holocaustleugnern“ ausgesprochen haben soll. Was, wie Mölzer der grauen Emminenz in Sachen Nah-Ost, David Lazar, beipflichtet, auf die Freiheitlichen doch nicht zutreffe. Sein Wort in Jawhes Ohr.

Jedenfalls muß Mölzer wohl eher resignierend eine „Liebesverweigerung“ des offiziellen Israels feststellen, was ihn orakeln läßt, ob die Freiheitlichen nicht andere Kontaktschienen zu jüdischen Kreisen aufbauen sollten, da die „bisherige Politik versagt zu haben scheint“. Da wird er schon recht haben, mögen die Kameraden noch so oft nach Yad Vashem pilgern. Daß nationalreligiöse „Hardliner“ und Rassisten nicht die richtigen Partner für echte Freiheitliche sein können, darauf habe ich, auch wenn andere gegenteiliger Meinung sind, schon oft genug hingewiesen.

Wie könnte oder sollte denn auch der Begriff „freiheitlich“ eine blaue Unterstützung der Unterdrückungspolitik in Palästinenserland legitimieren? Andererseits, welche anderen jüdischen Kreise könnte Mölzer denn gemeint haben? Die derzeit eher machtlose Friedensbewegung in Israel wahrscheinlich nicht. Jüdische Gegner des Zionismus wohl auch nicht. Die Kultusgemeinde in Wien? Die wird sich dagegen verwehren. Glaubt man diese anderen Kreise an der US-Ostküste zu finden? Vielleicht mit einem Empfehlungsschreiben von Netanjahu? Dieser in der Bill Maher-Show: „Das Geheimnis ist, wir haben Amerika“.

Nun hat, wie anzunehmen ist, sicher auch im freiheitlichen Lager kein vernünftiger Mensch etwas gegen Gespräche und Kontakte auf gleicher Augenhöhe mit der jüdischen Seite, und in der Vergangenheit soll es ja solche schon gegeben haben. Von gescheiterten Versuchen Haiders abgesehen, gab es da und dort vor allem private Unter-vier-Augen-Gespräche. Aber immer wenn es darum gehen sollte, unvoreingenommen vor die Öffentlichkeit zu treten, spießte es sich bei einzelnen. Man wurde dann gewahr, daß das gesprächsbereite Gegenüber auch demselben Druck ausgesetzt ist wie unsereiner.

Dieser gewisse durch die Nutznießer des Holocausts aufgebaute Gesinnungs- und Konformitätsdruck hat sich wie ein Mehltau über die ganze Gesellschaft gelegt. Wer darauf näher eingeht und gar Israels Politik kritisiert, dem wird im Handumdrehen Antisemitismus unterstellt. Diesen Vorwurf will Moshe Zuckermann** inzwischen als Herrschaftsinstrument erkannt haben. Man könnte ergänzen, Anti-Antisemitismus ist wie Philosemitismus in gewisser Hinsicht auch ein Geschäftsmodell. Wobei natürlich die Geschäftsgrundlage nicht in Frage gestellt werden darf, wohl aber der freie, kritische Dialog damit unterbunden werden soll.

Wenn aber das freie Wort weiter beschlagnahmt bleibt und grundsätzliche der Wahrheit und Freiheit dienende Fragen wie im ewigen Eis festgefroren bleiben sollen, werden weitere Kontaktanbahnungen und riskante politische Interessens-Partnerschaften der erwähnten Art kaum den erhofften Gewinn bringen. Nicht für eine gedemütigte, besetzte Nation. Man nannte Haider einmal einen Eisbrecher. Glaubt man heute endlich einen solchen zu sichten, ist dieser entweder bereits manövrierunfähig im Eis eingeschlossen oder fährt längst im Rückwärtsgang in Richtung wärmere Gefilde.

Im Übrigen bin ich der Meinung, daß es keine freie, unabhängige Regierung geben kann, solange eine solche nicht ohne die Zustimmung einer ausländischen Macht angelobt werden darf.

*Hannah Arendt warf einst der israelischen Führung vor, den Eichmann-Prozess und die Leidensgeschichte der Juden zu instrumentalisieren, um der Welt die Notwendigkeit der Existenz eines jüdischen Staates zu beweisen. Sie lehnte den Zionismus als Legitimationsideologie grundsätzlich ab.

**Moshe Zuckermann: „Antisemit!“ – Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Promedia, 2015, promedia@mediashop.at

Helmut Müller

Quelle

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