Nachruf: Herausgeber der „Staatsbriefe“ Hans-Dietrich Sander verstorben

von Johann W. Petersen

In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2017 verstarb nach langer, schwerer Krankheit der Publizist Hans-Dietrich Sander, ehemals Mitarbeiter des berühmten Dramatikers Bertolt Brecht bei dessen Berliner Ensemble, später Feuilleton-Journalist bei der „Welt“ und zuletzt Herausgeber der Zeitschrift „Staatsbriefe“. In der Öffentlichkeit galt Sander in der letzten Phase seines Lebens, sofern man überhaupt – wie der frühere SPD-Politiker Peter Glotz – von ihm Notiz nahm, bestensfalls als „umstritten“, wenn nicht gar als „Rechtsintellektueller“. Dabei konnte Sander auf ein bewegtes und wechselvolles Leben voller – auch politischer – Brüche zurückblicken, so dass allzu simple Zuweisungen, wie sie heute leider üblich sind, seiner Persönlichkeit nicht gerecht werden.

Geboren am 17. Juni 1928 in Grittel bei Ludwigslust in Mecklenburg, zählt er zur sogenannten „Generation der Flakhelfer“. Als junger Marinehelfer in Kiel musste er schwere Luftangriffe auf dicht besiedelte Stadtviertel miterleben, in seine Erinnerungen gruben sich die lichterloh brennenden Straßenzüge und die Erfahrung, nur knapp dem Tod entronnen zu sein, tief ein. Obgleich Hitlerjunge, empfand er für den Nationalsozialismus wenig Sympathien. „Rassenhass und Völkerverachtung“ erschienen dem Sohn eines aus Thüringen stammenden Reichsbahnbeamten und einer Mutter aus einer brandenburgischen Dachdeckerfamilie „abwegig“.

Am Berliner Ensemble

„Der Nachkrieg mit seinen Vorurteilen und Ressentiments“, so Sander im Jahr 1958, „warf mich auf das geschmähte Christentum zurück“. So begann er 1948 ein Studium der evangelischen Theologie im damals unter Blockade stehenden West-Berlin. Schon ein Jahr später schrieb er sich an der Freien Universität für Theaterwissenschaft und Germanistik ein, weil dies seinen Neigungen eher entsprach. Durch die Vermittlung von Herbert Ihering, zu Weimarer Zeiten führender Theaterkritiker in Deutschland und nach dem Krieg Chefdramaturg am Deutschen Theater, konnte der junge Student bei den Proben des Berliner Ensembles Bertolt Brechts in Ost-Berlin hospitieren und wandte sich durch die Bekanntschaft mit dem Literaten fortan immer stärker dem Marxismus zu. Im Jahr 1952 ging Sander schließlich in den Ostteil der Stadt. Brecht vermittelte ihm eine Stelle als Dramaturg im Bühnenvertrieb des Henschel-Verlags. Nebenbei schrieb er Kritiken für die Zeitschrift „Theater der Zeit“, die sein Mentor am Berliner Ensemble einmal als die besten der DDR bezeichnen sollte.

Sanders Sympathien für den Kommunismus begannen an seinem 25. Geburtstag, dem 17. Juni 1953, zu schwinden, als Volkspolizei und Sowjetpanzer den mitteldeutschen Volksaufstand niederschlugen. In den Westen siedelte er, nun kein Marxist mehr, 1957 wieder über, um ein Jahr später nach Hamburg zu ziehen und dort als Feuilleton-Redakteur bei der Tageszeitung „Die Welt“ anzufangen, deren Chefredakteur damals Hans Zehrer war, der in der Weimarer Republik mit der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Tat“ zu den einflussreichsten Publizisten aus dem Umfeld der „Konservativen Revolution“ zählte.

Bei Zehrers „Welt“

Schon bei seiner Rückkehr in die Bundesrepublik meinte Sander bei vielen seiner Landsleute eine Mentalität feststellen zu können, die er in einer autobiographischen Skizze, die sein 1980 erschienenes Buch „Der nationale Imperativ“ beschließt, wie folgt zusammenfasste: „Wir sind zu allem bereit, wenn man uns nur in Ruhe lässt“. Insbesondere der Opportunismus der Nie-Dabei-Gewesenen stieß ihn ab, doch ebenso das, was Gustaf Gründgens einmal „Bundesmasochismus“ nannte. Jenem Phänomen widmete Sander auch seinen Debütartikel in der „Welt“ vom 22. Februar 1958. Ansonsten konzentrierte er sich auf Literatur und Philosophie. Sander schrieb über Bloch und Lukács, Heidegger und Jünger, Céline und Pound. Ein Walter Jens witterte schon damals Unheil – weitere Nachstellungen sollten folgen.

In zwei Phasen, zwischen 1958 und 1962 und von 1965 bis 1967, konnte der unbequeme Journalist bei der „Welt“ wirken, was vor allem der schützenden Hand Zehrers zu verdanken war, der es begrüßte, dass Sander seine Artikel politisch immer weiter zuspitzte. Dass sein Schützling am Ende doch seinen Hut nehmen musste, lag weniger an Axel Springer, der, wie Sander einmal erklärte, durchaus bereit gewesen sei, ihn zu halten, als vielmehr an der Intervention von Zehrers Stellvertreter Ernst Cramer. Auch die Fürsprache des berühmten Politikwissenschaftlers Ernst Fraenkel, damals Direktor des John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien der FU Berlin, konnte Sander schlussendlich nicht helfen.

Mit Sanders Fortgang bei der „Welt“ begann für den „nationalen Dissidenten“ – so die Bezeichnung des politischen Denkers im Untertitel der Festschrift zu seinem 80. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt. 1969 promovierte er bei Hans-Joachim Schoeps in Erlangen mit der Studie „Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie“, in der er das denkerische Erbe von Karl Marx von der Dogmatik des Marxismus-Leninismus befreite. Sander würdigte Marx als einen wichtigen Philosophen des Industrialisierungsprozesses und frühen Empiriker der kapitalistischen Produktionsweise, verwarf jedoch dessen deterministisches Geschichtsbild und verwies auf die gegenüber der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderten gesellschaftlichen Konstellationen, die den Marxismus als untauglich zur Lösung aktueller Fragen erscheinen ließen.

„Nationaler Imperativ“

Im Jahr 1972 erschien dann Sanders kanonische „Geschichte der Schönen Literatur in der DDR“, die Hans Dieter Zimmermann, Professor am Institut für Literaturwissenschaft der TU Berlin, im Jahr 2000 in seiner eigenen Arbeit über die Literatur des geteilten Deutschlands als „die beste Untersuchung über die Literatur der DDR“ bezeichnete. Ansonsten fand das Werk nicht die Beachtung, die es verdient hätte. Es wurde sogar eine neuerliche Kampagne gegen Sander losgetreten, in deren Folge der Rombach-Verlag das Buch aus dem Vertrieb zurückzog. Der Autor selbst erklärte dies einmal so: „Ich verstieß gegen die Theorie von den zwei deutschen Literaturen und prangerte die Romantik nicht als Vorwegnahme der deutschen Daseinsverfehlung an.“ Eine der wenigen positiven Rezensionen kam von Ernst Kantorowicz, der in Ausgabe 1/1974 des „Deutschland-Archivs“ Sanders Darstellung im Wesentlichen bestätigte.

Mit dem Buch „Der nationale Imperativ“ erschien dann 1980 im konservativen Sinus-Verlag, wo auch der frühere CDU-Politiker und Berliner Innensenator Heinrich Lummer veröffentlichte, eine Sammlung politischer Essays, in der Sander neue Texte mit Beiträgen, die zuvor in Caspar von Schrenck-Notzings Zeitschrift „Criticón“ und anderen Publikationen erschienen waren, verknüpfte und für ein neues Nationalbewusstsein warb. Als Chefredakteur der „Deutschen Monatshefte“ von 1983 bis 1986 und schließlich als Herausgeber der „Staatsbriefe“ von 1990 bis 2001 setzte er diese publizistische Arbeit unbeirrt fort.

Ghibellinische Tradition

Der Titel der monatlich erscheinenden „Staatsbriefe“ bezog sich auf die gleichnamigen Erlasse des Stauferkaisers Friedrich II. Der Umschlag, wie das ganze Heft sehr schlicht gehalten, zeigte auf dem Titel ein Oktagon auf grauem Grund, den Grundriss des apulischen Castel del Monte des römisch-deutschen Herrschers. In Friedrich II. sah Sander den Kaiser der deutschen Sehnsucht, dem es gelang, binnen weniger Jahre das sizilische Chaos zum Staat zu bändigen, die Einmischung des Papstes in innere Angelegenheiten zu beseitigen, die Macht der Verbündeten Roms zu brechen und ein straffes, nur ihm verantwortliches Beamtenkorps zu schaffen. Sander vermutete sogar, dass Europa das Zeitalter der konfessionellen Konflikte erspart geblieben wäre, wenn sich Friedrich II. und die staufische Dynastie länger hätten halten können.

Die Ära der Staufer galt als fester Bezugspunkt im politischen Denken Sanders. Im Genius Friedrich II. bündelte sich für ihn all das, was seiner Ansicht nach auch in der Gegenwart dazu dienen könnte, die Zerfallsprozesse aufzuhalten, nämlich die Fähigkeit zur Repräsentation, juristische Formkraft und die Möglichkeit zur Dezision, die politisch-theologischer Souveränität entspringt. Wo dies fehle, wächst für Sander die Gefahr der Staatsverfehlung, die sich in den verschiedenen Formen des Totalitarismus der Moderne gezeigt habe – und hierzu rechnet er auch den Liberalkapitalismus angelsächsischer Prägung, da er ebenso wie Kommunismus und Nationalsozialismus das Ganze von einem Teil her definiere, woraus eine begrenzte Sichtweise resultiere, mit der keine dauerhafte Herrschaft begründet werden könne.

Sanders Vermächtnis

Mit seinem Rekurs auf den Stauferkaiser Friedrich II. und die „ghibellinische Idee“ (Johann Gustav Droysen) wirkte der Publizist Hans-Dietrich Sander wie aus der Zeit gefallen. Weniger zugeneigten Rezipienten erscheint die Beharrlichkeit und Verve, mit der Sander diesen Gedanken seit Jahrzehnten vertritt, mitunter spleenig, seine Anhänger sehen darin einen besonderen Ausweis seiner Originalität und Tiefgründigkeit, für ihn selbst ist die Rückbesinnung auf die staufischen Reichsidee nicht weniger als eine „Existenzfrage“ des deutschen Volkes und eine geopolitische Notwendigkeit, die sich aus der Mittellage Deutschlands in Europa ergibt.

Der Arnshaugk-Verlag (Neustadt an der Orla) hat die verdienstvolle Aufgabe übernommen, Sanders wichtigste Texte aus dreißig Schaffensjahren in zehn Bänden zu veröffentlichen. Zwei Bände, „Der ghibellinische Kuss“ und „Politik und Polis“, sind in der von Heiko Luge unter dem von T.S. Eliot entlehnten Motto „Style and Order“ herausgegebenen Reihe bislang erschienen. Die Reihe ist damit das Vermächtnis eines vielfach unterschätzten oder auch verfemten Denkers, der jedoch nie in eine der üblichen Schubladen gepasst hat. Sanders Gedanken bleiben der Nachwelt damit über seinen Tod hinaus erhalten.

Literaturhinweise:

Hans-Dietrich Sander. Der ghibellinische Kuß, Bd. I der Reihe „Style and Order“: Gesammelte Schriften von Hans-Dietrich Sander; hrsg. von Heiko Luge, 208 Seiten, geb., Arnshaugk: Neustadt an der Orla 2016, € 22,00.

Hans-Dietrich Sander. Politik und Polis, Bd. II der Reihe „Style and Order“: Gesammelte Schriften von Hans-Dietrich Sander; hrsg. von Heiko Luge, 271 Seiten, geb., Arnshaugk: Neustadt an der Orla 201g, € 26,00.

Zu beziehen über: http://www.arnshaugk.de

Quelle

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