Besprechungen (32)

Im Westen nichts neues! – Auch in ihrer mittlerweile dritten Ausgabe bleiben sich die Bielefelder Redaktion und die Autorenschaft von „NS heute“ treu in ihrer reaktionären Forderung nach einer „Volksgemeinschaft“ mit dem deutschen Großbürgertum. – In der jetzt vorliegenden neuen Folge erklärt uns Arnulf Brahm wie der deutsche „Volksstaat“ der Zukunft aussehen wird (S. 31-37). Sein Versprechen an die Leser, der im Untertitel aufscheint („Vorwärts zum Volksstaat. Neue Wege in Zeiten der EU-Krise“), uns also „neue Wege“ zu diesem Ziel aufzuzeigen, wird der Autor nicht gerecht. Der Aufsatz selbst handelt nur davon, wie harmonisch alle Berufe, Schichten und Klassen im deutschen Volksstaat miteinander auskommen werden; den Weg dorthin beschreibt Brahm nicht.

Siehe:
http://www.nsheute.com

Irgendwie ahnen wir es doch alle, daß der Weg zum künftigen Volksstaat der alte sein soll. Aber der alte, ausgetretene Weg – im Stile der Machtübertragung an Hitler durch die damaligen besitzenden Kreise – ist nun einmal versperrt, weil die deutsche Bourgeoisie keinesfalls daran denkt, die deutschen beziehungsweise europäischen (Außen-) Grenzen für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte zu schließen, sondern diese noch viel weiter zu öffnen als bisher. Auch wenn Brahm die „Felle“ der Linken „hinfortschwimmen“ sieht (S. 32), die wirklich gangbare Alternative für das deutsche Volk wird nicht in einer reaktionären „Volksgemeinschaft“ gemeinsam mit den deutschen Bonzen liegen, sondern in einem infolge einer sozialen Revolution erkämpften deutschen Nationalstaat – oder eben in keinem. Vielleicht hätte sich Brahm einmal mit (National-) Staatstheorie befassen sollen – als ausschließlich mit „völkischen“ Wolkenkuckucksheimen.

Brahm kann sich noch so winden, noch so um die Gunst des deutschen Besitzbürgertums betteln – mit seinem Versprechen die Steuern zu senken. Ihm geht es darum, durch Steuersenkung – gerade auch für die Reichen – das Kapital von der Flucht ins Ausland abzuhalten (S. 35) – und natürlich nicht darum, das Kapital zu vergemeinschaften. „Jetzt ist nur wichtig festzustellen, daß wir das Eigentum an Produktionsmitteln ausdrücklich unterstützen. Wer Innovationen hat und unserem Volke damit einen Vorteil verschafft, hat das Recht auf seinen eigenen Betrieb und Wohlstand, der sich von dem seiner Angestellten unterscheidet.“ (S. 35)

Vor über zehn Jahren erklärte mir Hans-Dietrich Sander, daß es nicht nur wichtig sei, darüber zu schreiben und zu reden wie der künftige deutsche Staat auszusehen hat, sondern dem Publikum auch zu erklären, auf welchem Weg, mit welchen Mitteln beziehungsweise mit welchen politischen Kräften ein solcher zurückzulegen ist. – Auf diesen Fragenkomplex gibt auch Patrick Schröder keine wirklich befriedigende Antwort. Der Betreiber von „FSN.tv“ …

Siehe hierzu:
http://the-revolution.de/

… kapriziert sich in seinem Gastbeitrag (S. 17-21) ausschließlich auf Strategien von Werbung und Verkauf. Der politische Inhalt, so der Bayer, sei gar nicht so wichtig. Und dies begründet er mit der – mittlerweile abgedroschenen – Phrase, daß doch kaum ein Bürger Parteiprogramme lese (S. 19) – wobei natürlich Parteiprogramme für Meinungseliten – innerhalb und außerhalb von Parteien – als jeweiliger inhaltlicher Richtungskompaß gelten, von dem auch Politikerreden, Werbeparolen und Presseerklärungen abgeleitet werden können. Schröder will uns aber erklären, daß politische Inhalte nicht wichtig seien, man nur irgendeine nationale Politik schön und freundlich präsentieren müsse, um erfolgreich zu sein. Den Gegenbeweis bringt uns Frank Franz, der uns Tag für Tag vorführt, daß man eine unattraktive politische Partei – in Gestalt des Parteivorsitzenden – noch so sehr overdressed nicht zum Erfolg führen kann.

Siehe hierzu:

Die Themen, die Patrick Schröder in seinem Beitrag anspricht, und mit denen er sich zum Knigge des Nationalen Widerstands aufschwingt, sind nun wirklich nicht neu. Sie kreisen alle um das „Erscheinungsbild“ des NW, also darum, „wie“ nationale Politik präsentiert werden soll. Aber auch wenn diese Themen mittlerweile Staub angesetzt haben, sind sie nicht falsch. Schröder ist nur dahingehend zu kritisieren, daß er zu kurz springt. Denn ein (Waren-) Inhalt, der für Wähler, Käufer oder Interessenten uninteressant ist, weil er diesen keinen Nutzen bringt, kann noch so sehr aufgehübscht werden, er wird dann nicht mehr gekauft also zuvor.

Das heißt, die „Volksgemeinschaft“, in der alle Abstammungsdeutschen für das gemeinsame Wohlergehen arbeiten, mag für viele deutsche Normalbürger ein richtiges ideelles Ziel sein, das sich aber entwicklungsgeschichtlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit befindet. Das Notwendige habe ich hierzu unter anderem schon in meiner Besprechung des Aufsatzes von Arnulf Brahm geschrieben. Was heißen soll, daß ein politischer Inhalt, der sich überlebt hat, zum Ladenhüter in der Werbung um Wähler, Spender, Verlagskunden, Mitglieder und Mitstreiter wird, wobei dann ein auch noch so hübsches und freundliches Verkaufspersonal nicht mehr die Absatz- und Gewinnkurve nach oben reißen kann. – Das heißt, die nationale Politik hat heute keine wirkliche (sozialrevolutionäre) Stoßkraft, sie wirkt schlapp, müde und verbraucht.

Zudem offenbart Schröder, daß seine werbepsychologischen Ansätze aus den Seminaren der kapitalistischen Wirtschaft übernommen sind. So sehr es richtig ist, den Menschen nicht nur als ein rationales, sondern auch als ein emotionales Wesen zu sehen, so sehr geht die Vorstellung in die Irre, man könne eine Ware oder Dienstleistung, die dem potentiellen Kunden nicht nützt oder zu teuer ist, durch eine nette Verpackung und viel Schnickschnack an den Mann beziehungsweise an die Frau bringen. In der Mitarbeiterschulung in der Wirtschaft geht es darum, dem Verkäufer – mittels kapitalistischer Interpretation vom Eisbergmodell – …

Siehe hierzu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Eisbergmodell

… ein schlechtes Gewissen, gar einen Minderwertigkeitskomplex einzureden, er sei ein schlechter Verkäufer – was hin und wieder auch so zutreffen mag -, daß eben der Firmenmißerfolg nicht am Produkt, sondern an der Distribution liege. Aber nicht selten ist auch das Produkt einfach scheiße, wobei diverse Manager und Teamleiter von ihren untergebenen Verkäufern verlangen aus Scheiße Gold zu machen. Dies funktioniert aber nur selten, daß sich Kunden finden, die dauerhaft für unnütze Sachen Geld ausgeben. Hin und wieder schon, aber Kundenbindung läßt sich so auf Dauer nicht erreichen.

Und so investiert kaum ein Wähler noch seine Stimme in NPD, Die Rechte und Dritten Weg. Auch dann nicht, wenn der deutsche Arbeiter und Kleinbürger – mit den nationalen Parteien zusammen – die Auffassung vertritt, ein autoritärer deutscher Staat müsse gemeinsam mit den deutschen Kapitalisten eine Wirtschaftspolitik machen, bei der auch die Interessen der kleinen deutschen Leute nicht unter die Räder kommen. Aber die meisten Deutschen wissen nur zu genau, daß dies ein unerfüllbares Versprechen im Zeitalter des globalen Kapitalismus ist, der auf Grenzöffnung setzt. Und deshalb entpuppt sich die „Volksgemeinschaft“ als ein Spielplatz für ein überschaubares Spektrum an Neonazis, die nicht mehr ins politische Geschehen werden eingreifen können.

Die These Schröders, die Neonazi-Szene müsse nur schöner und netter werden, dann werde sich der Neonazismus besser verkaufen, geht schon deshalb ins Leere, weil es doch in den zurückliegenden Jahren mehrere Anläufe gab, das Erscheinungsbild aufzuhübschen. Die „Autonomen Nationalisten (AN)“ sind hierfür nur ein Beispiel.

Siehe hierzu:
https://sachedesvolkes.wordpress.com/2010/10/31/autonome-nationalisten/

Die AN waren doch viel netter anzuschauen als die Skinheads.

In vielerlei Hinsicht läuft Schröder auch bei mir offene Türen ein, wenn er moniert, daß manche „Szenehelden“ (S. 18) durch Sprache und klischeehaftes Verhalten sich alle Mühe geben, gegenüber Normalbürgern als Bürgerschreck zu fungieren. Die Alternative wäre aber dann, daß man aus Überzeugung oder aus taktischem Kalkül mit dem Hitlerismus bricht, wie Martin Sellner von den „Identitären“, um so Anschluß an den Rechtspopulismus von FPÖ, AfD, „Pegida“, „Identitären“, „Sezession“ und „Compact“ zu gewinnen.

Das Elend der Möchtegernrechtspopulisten im NW besteht nur aber gerade darin, daß sie den Anschluß an den Rechtspopulismus deshalb verpassen, weil sie sich als Parteifunktionäre, Verleger, Medienbetreiber und Rechtsrockunternehmer nicht den neonazistischen Ast absägen wollen, auf dem sie selbst – auch rein materiell gesehen – sitzen. Der möchtegernrechtspopulistische Spagat – zwischen Rechtspopulismus und Neonazismus -, der aus dieser ungeschickten Situation folgt, verfestigt aber eben nur die eigene Erfolglosigkeit. Martin Sellner ist der Absprung von seinem Lehrmeister Gottfried Küssel gelungen, um Anschluß an die Mitte-Rechts-Systemhälfte zu schaffen – Patrick Schröder hat nun genau diesen Augenblick verpaßt.

Jürgen Schwab

N. S. Heute. Weltanschauung, Bewegung, Leben, zweimonatlich, Stückpreis: 4,90 Euro. Normal-Abo: 29,40 Euro, Förder-Abo: 44,00 Euro.

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