Besprechungen (35)

Der Historiker und Essayist Werner Bräuninger hat mit Veröffentlichung seiner Mussolini-Biographie im Grazer Ares-Verlag seinen bisherigen Forscherweg konsequent fortgesetzt. „Back to the roots“ würde der Engländer sagen. Zuvor stach der hessische Autor noch mit seiner zweibändigen Hitler-Biographie hervor, jetzt liegt seine einbändige Entsprechung über Benito Mussolini vor. Dies ist umsomehr konsequent, da wir von Ernst Nolte den italienischen Faschismus als den „Normalfaschismus“, die deutsche Variante hingegen als „Radikalfaschismus“ erklärt bekamen. „Radikal“ insofern, da Mussolini ursprünglich – anders als Hitler – seinen Antikommunismus nicht auf Antijudaismus stützte.

Sicherlich, Mussolini hatte bereits Vorgänger, nicht zuletzt Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich, vor allem Charles Maurras und Georges Boulanger. aber erst dem „Duce“ gelang der Durchbruch zum modernen Phänomen des Faschismus – zumal nicht nur als Ideologe, Autor und Bewegungsführer, sondern darüber hinaus ab 1922 als Staatsführer.

Insofern orientierten sich alle anderen Nachzügler – bei aller Eigenständigkeit – an diesem italienischen Vorbild, auch wenn Adolf Hitler davon ofiziell nicht sprach, zumal die deutsche Propaganda von der Überlegenheit germanischer gegenüber romanischen und anderen Völkern ausging. Hitler äußerte sich während des Krieges rückblickend über Mussolini und das italienische Modell: „Gewiß: mein Programm ist entstanden 1919; damals wußte ich nichts von ihm. In den geistigen Fundamenten ruht unsere Lehre in sich; aber jeder Mensch ist das Produkt von eigenen und fremden Gedanken. Und man sage nicht, daß die Vorgänge in Italien ohne Einfluß auf uns waren. Das Braunhemd wäre vielleicht nicht entstanden ohne das Schwarzhemd. Der Marsch auf Rom 1922 war einer der Wendepunkte der Geschichte. Die Tatsache, daß man das machen kann, hat uns einen Auftrieb gegeben.“ (zitiert nach Karlheinz Weißmann: Der Nationale Sozialismus, 1998, S. 220)

Bräuninger ist es erstmals gelungen, mit „Dux. Mussolini oder der Wille zur Macht“ in deutscher Urfassung den italienischen Prototyp von dessen Selbstverständnis her verstehbar zu machen. Der Autor meint zurecht, dass das eigentliche Anliegen des „Faschismus“ gerade heute in Deutschland nicht mehr greifbar ist, wo doch dieser Begriff inflationär „für alles und jedes“ mißbraucht wird, „was nicht in den sorgfältig abgesteckten Claim und Meinungskonsens eines saturierten politisch-medialen Establishments paßt und aus diesem Grunde verdächtigt, denunziert und folglich auch verfolgt, angegriffen und verurteilt werden darf.“ (ebenda, S. 413) „Faschist“ ist dann sozusagen jeder, der sich nicht dem linksliberalen Gleichheitsdogma unterordnet: vom Feminismuskrtitiker bis zur AfD, vom „Islamofaschist“ Erdogan bis hin zum wertkonservativen Christ.

Der Faschismus war der letzte nennenswerte Versuch, dem Bedürfnis vieler europäischen Menschen nach Unterscheidbarkeit gerecht zu werden. Dies freilich unter den Voraussetzungen moderner Massengesellschaften, was sich von den bloß reaktionären und somit auch nicht in der politischen Welt durchsetzbaren Ideen „traditionaler“ Denker und Gruppen unterscheidet.

Bräuninger gelingt es, über 458 Seiten hinweg detailgenau die Entwicklung Mussolinis nachzuzeichnen – vom Sohn eines Sozialisten, der in die ideologischen Fußstapfen seines Vaters trat, auf der italienischen Linken vor dem Ersten Weltkrieg als Redner und Journalist zu überzeugen wußte, der dann aber – sozusagen in einem gleitenden Prozeß – nach rechts rutschte; immer weiter weg von einem „Internationalismus“, der blutleer ohne Nationen auszukommen verspricht – immer mehr hin zu einem Interessenvertreter der italienischen Nation. Daß Italien sich vom Dreibund mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn (1882) über Neutralität zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Bündnispartner der Entente zuwandte (1915), war unter anderem auf die journalistische Arbeit jenes Mannes zurückzuführen.

So war schließlich geistig und programmatisch der Boden bereitet, um nach dem Ersten Weltkrieg – als Gabriele d` Annunzio vom „verstümmelten Sieg“ (vittoria mutilata) Italiens sprach (vgl. ebenda, S. 51) – endgültig den Faschismus als Ideologie und Bewegung aus der Taufe zu heben. Es ist kein Zufall, daß das gesamteuropäische Phänomen des „Faschismus in seiner Epoche“ (Ernst Nolte) sich in d e n beiden Nationen auf staatlicher Ebene durchsetzte, die als zu kurz gekommene Sieger (Italien) und Verlierer (Deutschland) aus dem Ersten Weltkrieges hervorgingen. Denn schließlich führen gerade bürgerliche und adelig bestimmte Nationen Kriege, um Eroberungen zu machen.

Bräuninger hätte es freilich auffallen müssen, daß sich die von ihm ausführlich belegte anfängliche Kritik des jungen Mussolini an einer rein parlamentarisch ausgerichteten reformistischen Linken, die sich einer Revision (Revisionismus, d. h. Überprüfung) des Marxismus hingab, schließlich auch auf den Kritiker selbst zutraf. Warum dies Bräuninger nicht auffällt, kann damit zusammenhängen, daß er sich als ideologisch Rechtsstehender in die Gedankenwelt Linksradikaler nicht hineinversetzen kann. Aber immerhin scheint Bräuninger es zu ahnen, da er in einem Satz Mussolini und dessen Bewegung der „Gegenrevolution“ zuordnet. (ebenda, S. 53).

Deshalb müßte über das eigentliche Thema des hier zu besprechenden Buches hinaus innerhalb des nationalen Lagers in Deutschland und anderswo die Debatte geführt werden, ob die Wanderer von links nach rechts – bei allen biographischen Unterschieden – nicht häufig dem „Mussolini-Muster“ entsprechen? Ich hatte schon an anderer Stelle geschrieben, daß mein publizistischer Werdegang maßgeblich von den „rechten Leuten von links“ geprägt wurde. – Zu allererst sicherlich von Hans-Dietrich Sander, dann auch von Reinhold Oberlercher und Horst Mahler. In diesen Kontext gehören auch Günter Maschke, Jürgen Elsässer und Manfred Kleine-Hartlage. Vor über zehn Jahren hatte ich noch gedacht, daß es sich bei diesen verschiedenen Persönlichkeiten um „nationale Linke“ handele, was aber nicht zutrifft.

Gerade am Beispiel des Jürgen Elsässer können wir nachvollziehen, daß bei ihm der Sozialismus vollständig – zugunsten der eigenen Nation – aufgegeben, von dieser ersetzt wurde. Insofern kommt es auch einem Trugschluß gleich, wenn Benedikt Kaiser meint, auf der deutschen Rechten ließe sich eine „nationale Linke“ verwirklichen.

Was bleibt? – Genau an dieser Frage entlang läßt sich gut der Wert des neuen Bräuninger-Buchs ermessen. Der Autor wird immer wieder von „geläuterten Bürgerlich-Konservativen“ des Milieus um die „Junge Freiheit“ als Fußabstreifer mißbraucht (seht her, Bräuninger ist der Neonazi nicht ich, Dieter Stein …). Bräuninger – wie übrigens auch zuvor schon Ernst Nolte von linken Gegnern – wird eine geistige Nähe zum (faschistischen) Forschungsgegenstand unterstellt. Und warum auch nicht? – Warum soll ein Autor, der sich wie Bräuninger von der faschistischen Ästhetik angezogen fühlt, nicht fähig sein, ernstzunehmende Forschungsbeiträge zu diesem Thema zu liefern? Was nicht heißen soll, daß Bräuningers Perspektive die einzig richtige und in jeder Hinsicht zutreffende wäre, aber sie ist als Einzelbeitrag zur Erforschung des Faschismus dringend notwendig, weil die bürgerlich angepaßten und links dämonisierenden Sichtweisen auf dieses Epochenphänomen nicht erklären können, warum zig Millionen Italiener, Deutsche und andere mehr teilweise bis zum bitteren Ende ihrem „Duce“ oder „Führer“ hinterhergelaufen sind. Mit den Verbrechen und Verfehlungen alleine ist dies eben nicht zu erklären und zu verstehen.

Siehe hierzu den Punkt 4 meiner „Thesen zum Neonazismus“:
https://sachedesvolkes.wordpress.com/2017/09/04/thesen-zum-neonazismus-in-der-brd-eine-neubearbeitung/#comments

Die faschistische Ästhetik setzt sich bis heute, wie Bräuninger schreibt, in Marketingstrategien und der Popkultur – beispielsweise bei der Gruppe „Kraftwerk“ – fort (ebenda, S. 41 u. S. 418).

Siehe hierzu die Schwarzhemden von Kraftwerk:

Und die Musik-Faschos von Laibach:

Siehe auch, was Mathias Brodkorb zur faschistischen Ästhetik zu sagen hat:
https://www.svz.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/brodkorb-lobt-nazi-kuenstler-id4288356.html

Aber der springende Punkt ist doch der „Wille zur Macht“, den Bräuningers Buch als Anleihe Nietzsches im Untertitel führt. Am Willen zur Macht von diversen Neofaschisten verschiedener Nationen liegt es heute gewiß nicht. Die Differenz liegt wohl eher zwischen Wollen und Können. Es scheint vor allem an den materiellen, ökonomischen Voraussetzungen zu fehlen, um zu einem faschistischen Staat zu gelangen – sofern man diesen überhaupt befürworten würde -, der dann die von Bräuninger beschworene „Ästhetisierung der Politik“ (ebenda, S. 410) verwirklichen könnte.

Es mag sein, daß es nicht nur an deutschen Stammtischen viele gibt, die einen „kleinen Hitler“ herbeisehnen, sondern auch mancher Italiener sich seinen „Duce“ zurücksehnt (ebenda, S. 417-418), der in das moderne Chaos wieder Ordnung bringt. Aber der Faschismus kommt eben nicht alleine auf den Schultern möglichst vieler nationaler Arbeiter und Kleinbürger an die Macht, sondern – wie dies Bräuninger ausführlich dargelegt hat – mittels Zustimmung breiter besitzbürgerlicher Kreise (ebenda, u. a. S. 41, 42, 61, 66, 67). Würde ein Mussolini heute, wie der Autor meint, die hauptsächlichen Profiteure und „Verantwortlichen“ – die Lohndrücker, Konsum- und Mietpreisheber – der Masseneinwanderung „beim Namen nennen“ (ebenda, S. 414), könnte er auf deren Zustimmung und Finanzierung eben nicht mehr rechnen.

Insofern erweist sich die Strategie der Rückgewinnung von europäischen Nationalstaaten unter faschistischen Vorzeichen als Irrweg und Sackgasse, die nur die Kräfte bindet und vergeudet für das was wirklich anzustreben ist – die Gewinnung europäischer Nationalstaaten unter sozialistischen Vorzeichen.

Jürgen Schwab

Werner Bräuninger: Dux. Mussolini oder der Wille zur Macht. Ares-Verlag, Graz 2017, 458 Seiten, 34,90 Euro.

Siehe auch:
http://www.ares-verlag.com/neuheiten/neuheiten-detail/article/dux/

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