Hitler Heute!

Heutige Neonazis leiden unter einem intellektuellen Defizit. So das man zwar einen „einzig wahren NS“ vertreten möchte, aber selbst kaum mehr in der Lage so etwas wie eine Ideologie für die Szene zu definieren. Das war etwa in den 80ern noch anders, wo es wenigstens noch den Versuch gab ein Ideologie-Kompendium zu formulieren. Sei es durch das Kühnen oder Busse-Lager. Beide hatten wenigstens in Teilen die reine Hitler-Linie kritisiert, ohne aber sich von dem Symbol zu trennen. Bei Kühnen fand man etwa Versatzstücke aus der Neuen Rechten, dem Maoismus und eine Mischung aus „Hitler und NS-Linke“. Zum Teil fanden sich in seinen Schriften auch sich heute merkwürdig anhörende geopolitische Visionen – so etwa einer „europäisch-arabischen“ Union. Was wohl man Eurabien nennen könnte!

Nun sollte sich das Busse und Kühnen-Lager wegen szenetypischen Kindereien zerstreiten. Um ideologisches ging es nur ganz am Rande, sondern um eine „Homosexuellendebatte“. Davon sollte sich die NS-Szene nie mehr wirklich erholen. So das man es seitdem mit einer schrittweisen reaktionäsierung zu tun hat. Innerhalb der Rechten wird der Neonazismus als Jugendsubkultur für Jugendliche auch immer unaktrativer. Diese wusste insbesondere Kühnen noch anzusprechen. Dies wird aber heute von Identitären, der AfD-Jugend und anderen aufgesogen. Das Neonazi-Spektrum konnte damals noch einige tausend zu Demos mobilisieren, heute nur noch jeweils einige hundert. Was ja wohl Gründe haben mag.

So was wie einen Versuch einer „Ideologie“formulierung der Neo-NS-Szene gibt es im Jahr 2018 kaum noch. Publizistisch versucht sich daran vielleicht noch die Zeitschrift „NS Heute“, worin aber Szeneberichte überwiegen über angebliche „Nazikieze“, Kneipentreffs und Wanderungen, garniert mit neudeutschen Poserpics. Es gibt nun auch einen ideologischen Teil in welchem sich Antisozialismus, Sozialdarwinismus und Ideenlosigkeit die Klinge in die Hand geben. Bei ersteren beiden wird es sich um die Hitler-Linie handeln.

Siehe: https://www.nsheute.com/

Adolf Hitler konnte allerdings noch an eine rechte Bürgerfront appelieren, an das deutsche Groß- und Industriekapital oder gar an Geldspender aus dem US- und europäischen Kapital. Was so aber auch noch nicht passierte, als er vielleicht ein paar hundert Anhänger hatte sondern strukturell erst als die NSDAP eine gewisse Macht als Opposition inne hatte. Ob der frühe Hitler schon auf einen pro-bürgerlichen Kurs war ist auch unter anerkannten Historikern umstritten. Zur wirklichen „Beherrschung der Bewegung“ sollte er jedenfalls erst Ende der 20er-Jahre gelangen. Mitunter dominierte zunächst der norddeutsche Flügel, der die NS-Linke stellte, verstärkt durch „linke“ NS-Tendenzen aus NRW und in der SA und HJ.

Die Bedeutung von Otto Strasser wird wohl überschätzt, was sich auch an den niedrigen Austrittszahlen aus der NSDAP in seine Gruppe ersehen lässt. Andere Dissidenten wie Stennes (SA) und der radikale Nationalkommunist Scheringer konnten wesentlich mehr Aktivisten abziehen – so konnte etwa Richard Scheringer hochrangige Funktionäre vom Gauleiter bis zum Chefideologen der HJ gewinnen.

Bis 1933 waren die eigentlichen führenden Leuten der NS-Linken andere: Gregor Strasser und dessen Erzfeind Joseph Goebbels. Hier gab es einen Widerspruch weil Gregor Strasser eigentlich wesentlich gemäßigter argumentierte als Goebbels – der sich für Lenin und Stalin begeisterte. Unter Kennern ist etwa Goebbels Schrift „Lenin oder Hitler?“ bekannt. Zunächst bezeichnete sich Goebbels als „deutscher Kommunist“ der gerne über den „nationalbolschewistischen Staat“ sinierte. Goebbels übte sich in sozialistischen Radikalismus mit der Aufforderung die KPD sei überflüssig zu machen, man müsste selbst so radikal wie die KPD auftreten oder aber gar mit dem Bonmont, die KPD sollte sich in NSDAP umbenennen, den Sozialismus radikal nationalisieren – dann bräuchte es keine NSDAP mehr.

1926 sollte Goebbels fordern den „Kleinbürger“ Hitler auszuschließen, was damals nicht von den Strassers zur Abstimmung zugelassen wurde. In der Folge schwankte Goebbels zwischen Bewunderung für die Person Hitler und ideologischer Kritik an diesem. Ein Streit mit Gregor Strasser sollte ihn auf Hitlers-Seite bringen. Allerdings mit der Vorstellung Hitler sei „eigentlich“ ein „Revolutionär“ und müsste nur aus den Klauen der reaktionären Münchner-Clique befreit werden. 1933 sollte er Minister werden, sich also endgültig von den sozialistischen Inhalten verabschieden. Zumindest 1931 war aber der sozialistische Elan noch nicht erloschen, wie die Schrift „Der Nazi-Sozi“ zeigt. Darin polemisierte er gegen den „bürgerlichen Klassenstaat“, lehnte zwar den Klassenkampf ab, aber dann doch nicht, da dieser zu führen sei, zur Erringung der Volksgemeinschaft. Der marxistische Klassenkampf sei als Endziel „falsch“, aber gar nicht der Klassenkampf als Mittel an sich. Dieser würde gerade von der Rechten seit Jahrzehnten gegen die Proletarier geführt, so damals der spätere Minister.

Siehe: https://archive.org/details/Goebbels-Joseph-Der-Nazi-Sozi

Diese Goebbels-Gedanken aus dem Jahr 1931 werden bei NS Heute ein Tabu sein, da in Zeiten des Neoliberalismus, also der kapitalistischen Klassenpolitik, von einer Industriellenclub-„Volksgemeinschaft“ geträumt wird. Dagegen gilt eben Hitlers „Mein Kampf“ (Sozialdarwinismus, bürgerliche Ehrenversprechen) als „Programm“. Dies fällt dann so auch weit hinter Busse und Kühnen zurück.

Nun kann es aber auch sein das etwa bei „NS Heute“ jemand als „intelligentes“ Aushängeschild schreibt, der oder die früher, in der rechtsbürgerlichen „Jungen Freiheit“ einen brachialbürgerlichen Sozialdarwinismus verbreitete – nur damals eben ohne Hitler und „Mein Kampf“. So das der oder die radikale Bürgerin mit oder ohne Hitler funktioniert. Nur ohne Hitler lebt sich für radikale Bürger doch besser unter den herrschenden Verhältnissen. Die Schwachen wird zudem der Sozialdarwinist gerade in der NS-Szene wiederfinden (sozial und auch intelektuell), wobei er nun selbst wegen dem gesellschaftlichen Abstieg zu den Schwachen gehören wird. Das ist nun tragisch!

Verfasser: Sozrev

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