Besprechungen (36)

Das Parteien- und Verlagsspektrum auf der deutschen Rechten ist in den letzten Jahren gehörig in Bewegung geraten. Mit dem Aufkommen von AfD, Pegida, Identitären, Compact und Sezession sind in diesem Spektrum neue Platzhirsche auf der politischen Weide in Erscheinung getreten.

Siehe hierzu:
https://www.compact-online.de

https://sezession.de

Dies bedeutet, daß das Terrain beziehungsweise die Reviere neu verteilt werden. An den Futtertrögen kommt es nun verstärkt zum Gerangel. Für manche Teilnehmer der Alten Rechten reicht die Tischdecke nicht mehr so richtig aus.

So muß der Grabert-Verlag leider seine Zeitschrift „Deutschland in Geschichte und Gegenwart (DGG)“ nach 65 Jahren einstellen. „Vorübergehend“ heißt es. Dies ist auch für mich traurig, da ich einen Teil meiner eigenen publizistischen Entwicklung genau auf diesen Tübinger Verlag stützen konnte – auf ein Familienunternehmen, das mittlerweile mit Bernhard Grabert in dritter Generation geführt wird.

Siehe hierzu:
http://www.buchdienst-hohenrain.de

Das Verlagssterben auf der Alten Rechten hatte bereits vor Jahren den Nation Europa-Verlag in Coburg erfaßt, der vom größeren Munier-Spektrum („Zuerst“) geschluckt wurde.

Siehe hierzu:
http://zuerst.de

Und auch der Nationalzeitungs-Verlag der Familie Frey befindet sich seit Jahren in einem (Gesund-?) Schrumpfungsprozeß.

Siehe hierzu:
https://www.national-zeitung.de

Das heißt, mehr oder weniger schwache Zeitungen werden zu einer einzigen stärkeren zusammengelegt, um sich auf dem Markt behaupten zu können. Schließlich müssen – wie mir dies vor Jahren schon ein Dresdner Antiquariatsbesitzer sagte – Bücher (und Zeitungen usw.) g e k a u f t werden! Das anschließende Lesen ist hierbei nicht ganz so entscheidend.

Den Hintergrund für die Krisen im Verlagsbereich bildet freilich das Aufkommen des Internets, die Digitalisierung; was aber nicht bedeutet, daß das gedruckte Buch – neben dem E-Book – völlig aussterben würde. Allerdings befanden und befinden sich viele Druckausgaben von Zeitungen und Zeitschriften auf Talfahrt beziehungsweise sind diese vom Markt verschwunden. Die DGG des Grabert-Verlags bildet hierbei also keine Ausnahme.

Vielleicht gelingt es dem Grabert-Verlag die Kurve zu kriegen – was ihm zu wünschen ist. Allerdings müßte man sich in Tübingen konzeptionell neu aufstellen. In welchem Kerngeschäft brauchen potentielle Kunden unbedingt den Grabert-Verlag?

Benoist können diesen Autoren auch in der salonfähigen „Jungen Freiheit“ oder in „Sezession“ lesen. Der frühere Marxismus-Leninismus-Lehrer Michael Nier, der mit Abstand beste Autor von DGG und Euro-Kurier, den ich – gegen den Widerstand von Karl Richter – dem Grabert-Verlag vermittelt hatte, deckt genauso wie die SdV – mit dem Stigma des Rechts- und Linksextremismus zugleich – nur ein Außenseiterspektrum ab, das wirtschaftlich für sich genommen nicht tragfähig ist. Die meisten anderen Autoren wie Claus Nordbruch und Albrecht Jebens läßt man in den Organen der salonfähigen Rechten – wie der „Jungen Freiheit“ – nicht schreiben. Somit geraten die Publikationen der Alten Rechten zu Foren der Ausgestoßenen.

Was bleibt? – Den Antikommunismus, den der Grabert-Verlag – von Michael Nier einmal abgesehen – pflegt, vertreten die Organe der salonfähigen Rechten auch. Der Geschichtsrevisionismus, den dieser Verlag pflegt, ist genau der Punkt, der seine ökonomische Existenzgrundlage bedroht. Verschwörungstheorien, wie sie beispielsweise Gerhoch Reisegger in DGG und in der „Aula“ verficht, werden beispielsweise vom Kopp-Verlag viel erfolgreicher feilgeboten.

Siehe hierzu:
http://www.dieaula.at

https://www.kopp-verlag.de

Kurzum, der Grabert-Verlag, dessen Wohl mir am Herzen liegt, benötigt neben einem Gesundschrumpfungsprozeß ein neues beziehungsweise erneuertes Konzept, um sich dauerhaft auf dem Markt behaupten zu können. Wie dieses Konzept aussehen könnte, muß nicht an dieser Stelle besprochen werden.

Unterdessen gehen die Verteilungskämpfe im salonfähigen Teil der deutschen Rechten weiter, der sich vor allem im Sog der AfD-Wahlerfolge abspielt. Während das Sezession- und Compact-Bündnis versucht, weiter auf den Höcke-Flügel der AfD Einfluß zu nehmen, versucht die „Junge Freiheit“ Selbiges in Bezug auf den gemäßigten Flügel dieser Partei. Mit „Cato“, dem „Magazin für neue Sachlichkeit“ ist jetzt in der Denkabteilung eine direkte Konkurrenz zur „Sezession“ entstanden, die sich an der einstigen Spaltungsfront Kubitschek versus Weißmann nachvollziehen läßt.

Siehe hierzu:
https://cato-magazin.de

In einer mir vorliegenden Ausgabe widmen sich konservativ salonfähige Autoren dem 25jährigen Jubiläum des Spiegel-Essays „Anschwellender Bocksgesang“ (1993) von Botho Strauß, der – auch mit dem ein Jahr später erschienenen Buch „Die selbstbewußte Nation“ (1994) – sozusagen als Initialzündung für eine „Neue Rechte“ in Deutschland fungierte, wobei manche Protagonisten dieses Spektrums wie Dieter Stein wegen diverser Verfassungsschutzberichte schon bald von diesem Etikett nichts mehr wissen wollten.

Siehe hierzu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_selbstbewusste_Nation

Währenddessen übt sich das Sezessionsspektrum in Kapitalismuskritik. So berichtet Benedikt Kaiser über die letzte Winterakademie. Immerhin gelangte man dort zu der Erkenntnis: „Auch für das konservative, rechte geistige Lager könnte Karl Marx als Analyst der kapitalistischen Produktionsweise, der Theorie der Entfremdung und einiger bedeutender Aspekte wie dem Fetischcharakter der Ware eine Größe sein.“

Siehe hierzu:
https://sezession.de/58133/das-war-die-18-winterakademie-des-instituts-fuer-staatspolitik

Somit unterscheidet man sich bei der „Sezession“ sicherlich qualitativ von den Dummnazis, die Karl Marx schon alleine wegen seines jüdischen Bluts keine Wahrheiten zuerkennen können. Was mir allerdings auffiel – Götz Kubitschek mag dies „langweilen“ -, daß man das rechte Kunststück wieder einmal fertiggebracht hat, sich ein ganzes Wochenende lang über „Kapitalismuskritik“ zu unterhalten, ohne daß das Wörtchen „Eigentum“ fiel. Ich jedenfalls habe das betreffende Wort mit der Suchfunktion in dem Bericht von Kaiser nicht gefunden. Dieser empirische Befund ist schon deshalb interessant, weil jeder bürgerliche Intellektuelle genau weiß, daß er dieses Wort nicht fallen lassen darf, wenn er auf der Rechten – etwa als Politikberater wie Peter Feist, der auf dem Seminar auch sprach – Karriere machen möchte.

Jürgen Schwab

Kommentiere oder hinterlasse ein Trackback: Trackback-URL.

Kommentare

  • hanswernerklausen  On 6. Februar 2018 at 16:19

    Peter Feist hat einen interessanten politischen Lebensweg: beim Zusammenbruch der DDR Trotzkist, in den 90er Jahren einer der Vetrauten des (1995 verstorbenen) Nationalkommunisten Wolfgang Harich, jetzt im Umfeld der „Sezession“

  • Schwab  On 8. Februar 2018 at 17:30

    @hanswernerklausen

    Peter Feist kenne ich nicht. Allgemein gesehen muß ein Linker, wenn er sich national positionieren möchte, zumindest in Deutschland zur Rechten wechseln. Das ist schade, aber es ist so. Denn wenn er nur ein klitzekleines patriotisches Argument in die Debatte wirft, kriegt er wie Wagenknecht eine braune Torte in die Fresse – oder noch mehr. Was ich schade finde – siehe meine vorherige Besprechung des neuen Bräuninger-Buches über Mussolini – ist der Umstand, daß die meisten, die von links nach rechts wechseln, ihren Sozialismus zurücklassen. Das ist dann eine Art Revisionismus – neben der Sozialdemokratie sozusagen die Nationaldemokratie.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: