Rechte Reflexe. Der Umgang mit den Metastasen der Marktwirtschaft und dem sich daraus ergebenden Zweifel an der politischen Selbstpositionierung.

Nur wenige Stunden nachdem ein 48jähriger Mann absichtlich mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge vor einem Münsteraner Café fuhr, dabei zwei Menschen tötete und zwanzig weitere schwer verletzte, twitterte die AfD-Politiker Beatrix von Storch, ohne um die Umstände zu wissen, dass es sich hierbei um die Tat eines Flüchtlings wird handeln, der nach IS-Muster gegen Ungläubige vorgegangen ist.

Mittlerweile, also nach Bekanntwerden der Details, ruderte sie zurück, ohne jedoch das dahinterstehende Argumentationsmuster grundsätzlich in Frage zu stellen, welches auf die einfache Formel zu bringen ist:

(Selbstmord)Anschlag gegen Unschuldige = islamistischer Terror.

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beatrix-von-storch-bedauert-tweet-nach-amokfahrt-von-muenster-15538016.html

Nun ereigneten sich in jüngster Vergangenheit jedoch auch eine Vielzahl von Taten, die irgendwie nicht mit dieser simplen Gleichung erfassbar sind. Erinnert sei hier nur an den vom Piloten Andreas Lubitz herbeigeführten Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen, bei dem 150 Menschen mit in den Tod gerissen wurden, an den Amoklauf von München 2016 mit zehn Opfern oder den Amoklauf von Dossenheim 2013 (bei dem ein 71jähriger der Täter war, 2 Tote). Ebenso sind die Schulmassaker von Erfurt und Winnenden mit insgesamt mehr als 30 getöteten Unschuldigen nicht mit der von Beatrix von Storch und von den meisten anderen Rechten in den Raum gestellten Gleichung „zu den Akten delegierbar“.

Aber auch wenn der (einheimische) Täter nachweislich überführt ist, gibt man sich auf rechter Seite keineswegs geschlagen.

Dann ergreifen schnell irgendwelche Theorien den Diskussionsraum, die man gemeinhin unter der Rubrik Verschwörung zusammenfasst. Da heißt es einmal, dass der Amokläufer/Schütze gar nicht der wahre Täter sei, ein anderes Mal waren Geheimdienste am Werk usw. Oder man kramt in der Biographie des Täters, um irgendeine politisch passende Erklärung präsentieren zu können. Berühmtestes Beispiel hierfür ist der Massenmörder von Oslo, Anders Breivik, der vor sechs Jahren über 70 Kinder und Jugendliche erschoss, die nicht in sein Weltbild passten. Hier diente der rechten Auf- und Erklärerszene ein einziges Foto des Attentäters, welches ihn mit einer freimaurerähnlichen Schürze zeigt und so seine Wahnsinnstat als eine perfide Aktion irgendwelcher Logen interpretiert wurde, die damit das legale politische Agieren gegen Einwanderung auf immer und ewig diskreditieren wollten.

Es scheint, dass für die bundesdeutsche Rechte und ihre europäischen Pendants nicht sein kann, was nicht sein darf. Es wird nicht ansatzweise erkannt, bzw. bewusst verschwiegen (und findet so keinen Eingang in die politische Diskussion), dass die herrschenden Zustände des Endzeitkapitalismus eine Vielzahl von Menschen in den sprichwörtlichen Wahnsinn treiben, der viel zu oft tödlich endet. Man will es nicht wahrhaben, dass das Töten Unschuldiger im Namen Allahs, oftmals unter Inkaufnahme des eigenen Todes, nur die eine Seite der Medaille zeigt, deren andere die mehr als zehntausend Suizide allein in der BRD kennzeichnet.

Eine sich aus der Marktwirtschaft ergebende Konkurrenz aller gegen alle und der ihr innewohnenden Steigerung selbiger bis ins Private hinein, in der die humanen Kennzeichen von Solidarität und Mitgefühl lediglich noch in (asozialen) Randgruppen und bei irgendwelchen (marktwirtschaftlich nicht erfolgreichen ) „Kauzen“ erkennbar sind, produziert zwangsläufig eine immer größer werdende Zahl von Verlierern, die mit dem vermeintlichen globalen Sieg des Kapitalismus und seiner scheinbaren Alternativlosigkeit keine vernünftige Antwort mehr auf die (lebensnotwendigen) Fragen der Zeit präsentiert bekommen.

In seinem Aufsatz „Realisten und Fundamentalisten“, erschienen schon vier Jahre nach dem Untergang der staatsozialistischen Systeme Ost-und Mitteleuropas, schrieb der linke Theoretiker Robert Kurz angesichts der Häufung „religiöser“ Attentate:

„Die „Realisten“ haben auf die soziale Misere ebensowenig eine Antwort wie auf die Misere der menschlichen Beziehungen und der Gefühle in einer ökonomisch durchrationalisierten Welt; sie zucken nur mit den Schultern und gehen zur marktwirtschaftlichen Tagesordnung über. Aber die Misere kann nicht stumm bleiben, sie muss eine Sprache finden. Und weil die rationale Sprache des Sozialismus tot ist, kehrt in der zerrütteten Gesellschaft die irrationale Sprache der Religion zurück; aber mit einer verwilderten, bösartig gewordenen Grammatik. Der ökonomische Neoliberalismus ruft „Marktwirtschaft“, und das pseudo-religiöse Echo ruft zurück: „Weltuntergang“. Es zeigt sich jetzt, dass der Sozialismus nicht nur eine Ideologie, sondern auch eine Art moralischer Filter gewesen war, ohne den die moderne Zivilisation gar nicht existieren kann. Ungefiltert erstickt die entfesselte Marktwirtschaft an ihrem eigenen moralischen Schmutz, der nicht mehr institutionell bearbeitet wird.“

Quelle:http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=29&posnr=124&backtext1=text1.php

Selbstverständlich ist es für rechte, rechtspopulistische oder konservative Kräfte unmöglich, diesem Gedankengang zu folgen, gehört es ja zu ihren Grundüberzeugungen, dass die Marktwirtschaft das dem menschlichen Wesen am ehesten entsprechende Wirtschaftsmodell ist. Wenngleich man auch propagiert, (objektiv nichtzurückrufbare) Zustände der 50/60er Jahre (Wirtschaftswunder, Automobilmachung der Gesellschaft), trotz Automatisierung/Digitalisierung und damit zwangsläufig einhergehendem Abbau gutbezahlter, fester und damit zumindest materielle Perspektiven schaffender Arbeitsplätze, herbeizureden. Und sei es um des (Welt)Friedens Willen, indem man, wie derzeit in den USA leider zu beobachten, dem militärisch-industriellen Komplex als dem letzten großen Arbeitgeber der Industrie profitable Aufträge im Hinblick auf zukünftige Kriegsabenteuer zuschieben möchte.

Was aber ist mit jenen, die die derzeitigen ökonomischen Verhältnisse als das Grundübel herausgearbeitet und letzen Endes auch durchschaut haben, dass ohne Beseitigung der marktwirtschaftlichen Konkurrenzgesellschaft Taten wie die von Münster, pseudoreligiöser Terror islamischer Prägung und zehntausendfacher Suizid zwangsweise immer wieder werden passieren? Was ist mit denen, die die Bezeichnung Sozialist oder Antikapitalist nicht nur, wie im nationalen Spektrum leider üblich, aus strategischen Gründen für sich reklamieren, sondern mit innerster Überzeugung verwenden und nach einem anderen System streben?

Ist deren Selbstverortung im nationalen Lager gerechtfertigt? Ist sie überhaupt in Anbetracht der vollkommen verkürzten Kritik am Kapitalismus (wenn überhaupt, mittlerweile gibt es einen regelrechten neoliberalen „Rollback“, inkl. sozialdarwinistischer Argumentation ) zu rechtfertigen?

Der Verfasser dieser Zeilen meint: nein. Als Teilnehmer der letzten SdV-Arbeitstagung im März diesen Jahres hörte er während des Referats von Jürgen Schwab von der Selbstpositionierung der SdV-Mitstreiter als die „linken Leute von rechts“.

Aber was teilen wir eigentlich mit den Rechten der BRD und ihren europäischen/nordamerikanischen Brüdern im Geiste? Ist es letzten Endes nicht nur die Liebe zur Heimat, die Furcht vor dem Verschwinden der letzten Reste unserer Kultur und die Sorge um das geistige und materielle Wohlergehen unserer Nachkommen?

Im Gegensatz zur politischen Rechten wissen wir aber ganz genau, dass es keine irgendwiegearteten Bösewichter sind, die man für die heutigen Zustände verantwortlich zu machen hat, sondern dass es systemimmanente Auswüchse sind. Im Gegensatz zur politischen Rechten wissen wir, dass kapitalistisches/marktorientiertes Wirtschaften den Planeten Erde und dessen menschliche und tierische Bewohner in naher Zukunft zum kollabieren wird bringen. Im Gegensatz zu bundesdeutschen Nationalsozialisten sind wir der innersten Überzeugung, dass genozidale Überlegungen und „Problemlösungen“ unvereinbar sind mit der humanistischen Ideengeschichte Europas.

Man könnte noch weitere Beispiele anführen, die mit „Im Gegensatz…“ beginnen, ein jeder prüfe das persönlich und stelle dann zumindest für sich selbst die Frage, ob man deshalb nicht eher zu den „heimatverbundenen Leuten von links“ gehört, diese Selbstverortung nicht zutreffender und letzten Endes auch (und vor allem im Hinblick auf die Schmähungen aus dem „eigenen“ politischen Lager, „Bolschewistenpack“) befreiender wäre…

R. Wedow

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Kommentare

  • Schwab  Am 18. April 2018 um 18:08

    @Rick W.

    Sehr gute Analyse, meine volle Zustimmung bezüglich der ersten zwei Drittel Deines Artikels.
    Widerspruch nur bezüglich des Schlußteils.

    „Der Verfasser dieser Zeilen meint: nein. Als Teilnehmer der letzten SdV-Arbeitstagung im März diesen Jahres hörte er während des Referats von Jürgen Schwab von der Selbstpositionierung der SdV-Mitstreiter als die „linken Leute von rechts“.

    Ich weiß nicht genau, auf was spezifisch Deine Kritik abzielt. mit dem von Dir wiedergegebenen Zitat habe ich lediglich die Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart beschrieben, also das SEIN; wo wir hingegen hin wollen, das SOLLEN, steht auf einem anderen Blatt.
    Würde die SdV in einer Parallelwelt leben wie anno dazumal der „Fahnenträger“, indem wir behaupteten, wir seien jetzt die „nationale bzw. heimattreue Linke“, machten wir uns doch nur lächerlich. Jeder weiß, wo Schwab herkommt, wo Wedow herkommt, in welcher „rechtsextremistischen“ Organisation beispielsweise Du bist.
    Der Vorwurf würde mich auch am wenigsten treffen, da ich meine NPD-Zeit und meine Burschenschafter-Zeit viele Jahre hinter mir gelassen habe, seit Jahren auch alle Instrumentalisierungsangebote ablehne, Kandidaturen für NPD, Autorschaft in DS usw., wird alles abgelehnt. Das hindert mich aber nicht, mit denjenigen auf der nationalen Rechten Kontakt zu halten, die es für mich wert sind: Arne Schimmer und „Gegenlicht“, Falko Schüßler, Sascha Krolzig, Burschenschaft Normannia Jena usw. usf. – Ich muß ja nicht mit den Bolschewistenfressern Heise, Wulff, Tegethoff u. a. zusammenarbeiten.
    Bezüglich des Faschismus im NW spare ich nicht mit klaren Worten!

    Siehe hierzu:
    https://sachedesvolkes.wordpress.com/2017/11/23/karl-richter-toeten/

    Also wie gesagt, meine Kritik an Deiner Kritik: Du scheinst das SOLLEN mit dem SEIN gleichzusetzen bzw. zu verwechseln. Also nur weil irgendwas bald so sein SOLL, heißt es nicht, daß es heute schon so IST oder heute schon so SEIN kann. Oder frag mal Sahra Wagenknecht, wer wir für die SIND, auch wenn wir uns heute schon ihr an den Hals werfen …

  • sozrev  Am 18. April 2018 um 21:12

    Nun bringt ja eine nationale Linke gar nichts durch Leute die selbst auf der politischen „Rechten“ tätig sind. Eine von mir positiv gesehene nationale Linke bringt nur etwas durch Patrioten die selbst auf der Linken organisatorisch tätig sind und auch an sich von der politschen Linken kommen. So bringt es mir weniger wenn ich vielleicht meine, sagen wir mal Chavez, Fidel Castro und Morales besser als linksnationale verstehen zu können als die linksliberale bis antinationale Linkspartei. Um eine nationale deutsche Linke zu vertreten müsste man organisatorisch in der Linken vertreten sein – was aber schon nicht geht weil dort aufgrund der linksliberalisierung und antinationalisierung selbst eine von links kommende nationale Position verunmöglicht wird. So das nun natürlich nationale Linke wie Stephans Steins von der Roten Fahne für die organisierte Linke nun ebenso ein „No Go“ sind wie sagen wir mal die SdV oder andere Zusammenhänge.

    https://rotefahne.eu/2013/12/masseneinwanderung-nimmt-weiter-zu/

    Das aber heimatliche Linke im Kern von antisozialistischen Rechten nicht angesprochen werden können ist auch klar und logisch. Danach das die Rechten wieder kapitalkritischer werden, danach sieht es nun wahrlich nicht aus.

  • Schwab  Am 19. April 2018 um 09:30

    Rick Wedows Kritik trifft nicht auf mich, sondern auf Benedikt Kaiser zu. Während ich die letzten Jahre meine Aktivitäten auf der Alten Rechten erheblich reduziert habe, meint Kaiser, daß Antikapitalismus auf der Neuen Rechten durchzusetzen sei …

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