APO-Versteher!

Nun ist zwar unter Rechten gerade wieder das alte 68er-Bashing angesagt, von der JF, der AfD bis hin zur NPD, aber eine Puplikation ist aus diesem Schema ausgebrochen: Das Compact-Magazin um Jürgen Elsässer. Mehrere Texte widmen sich in einem Dossier unter dem Motto „das Andere 68: Haschrebellen und Nationalrevolutionäre“, den 68ern.

Siehe: https://www.compact-online.de/

Der nationalrevolutionäre Befreiungskampf von Rudi Dutschke kommt bei Jürgen Elsässer als Ansatz der nationalen Befreiung vor und bei einem anderem Autor gar bezogen auf die Person Dutschkes als „santfter Nationalrevolutionär“. Für Elsässer sind die nationalen Ansätze in der APO unter die Räder einer Linksliberalisierung gekommen. So das diejenigen die sich auf 68 beriefen und sich im Staatsaparat integrierten, diesen nicht „veränderten“, sondern dieser sie verändert habe.
Die Person Rudi Dutschke wurde bei Compact nun schon ausführlicher von dem Ex-SDSler Rolf Stolz erklärt.

Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=eFO7G64LhSM

Aufgrund seiner langen Zeit in der politischen Linken kennt sich Jürgen Elsässer auch mit der Literatur der Frankfurter Schule/kritischen Theorie aus. Bei den meisten auf der Rechten die gerne mal etwas über die Frankfurter Schule schreiben ist dies nämlich zumeist nicht der Fall, so das sich das Wissen aus dem ständigen Abschreiben voneinander speist. In dem Text „Krieg der Philosophen“ doziert Elsässer über den Streit zwischen Horkheimer und Marcuse.

Horkheimer hatte sich hinter den Krieg der USA in Vietnam gestellt und traktierte die Kriegsgegner mit „Nazi“vorwürfen. Ja, Horkheimer fordert gar den Westen zu einem Krieg gegen die Sowjetunion auf – ein 3. Weltkrieg. Marcuse stellte sich dagegen hinter die APO und sah in den USA einen neuen „Faschismus“ walten. Horkheimers Ansätze sind nun aus der Gegenwart durchaus sattsam bekannt – von US-Neocons bis Antifa.

Für Horkehimer verteidigten die USA nicht das Vaterland, sondern die „Menschenrechte“ und die liberale „Verfassung“. Darum führten die USA Kriege, so Horkheimer, der in den USA das „Reich der Freiheit“ erblickte. So das Horkheimer nichts mehr fürchtete als einen Niedergang des US-Imperialismus, da dies einen Versiegen der „Kultur“ bedeuteten würde, der er und Adorno sich zugehörig fühlten. Nun war Marcuse logischeweise kein „Nationalrevolutionär“, sondern jemand der die „Ursprünge“ der kritischen Theorie gegen die pro-kapitalistisch gewendete Mehrheit in dieser Denkschule verteidigte.

So meint Elsässer auch Marcuse habe mit seinem Buch „Triebstruktur und Gesellschaft“ die Pandorabüchse der sogenannten „sexuellen Revolution“ geöffnet. Das ist aus zweierlei Gründen nicht ganz zutreffend: Zum einem wurde diese schon Jahre davor geöffnet (siehe APO-Veteran Böckelmann: Entwicklung im modernen Kapitalismus, neue Linke als Trittbrettfahrer) und zum anderem ging es in dem Marcuse zum Teil um etwas anderes: Ausgehend von Freund meinte Marcuse Neurosen und Krankheiten würden vom kapitalistischen System erzeugt, wobei aber die „Liberalisierung“ im Kapitalismus selbst ein Teil der Repression und einer krankhaftigkeit sei, die im System angelegt sei. So das Marcuse kaum für die Ausartungen des falschen Wahnes verantwortlich zu machen ist, die den liberalen und „progressiven“ Kapitalismus formen.

Die Minderheitenfixierung der heutigen Linken ist Marcuse auch nicht ganz anzurechnen, da dieser zwar von „Minderheiten“ als revolutionäres Subjekt sprach, aber damit waren andere Kreise gemeint und zwar die gesellschaftlich dissidenten Verweigerer, die der Philosoph vor allem in den linken Studenten erkennen wollte.

Der Unterschied zwischen Marcuse und etwa Horkeimer und Adorno ist darin zu sehen das sich zwar alle auf einen „westlichen Marxismus“ bezogen, aber Marcuse im Gegensatz zu anderen meinte der östliche Marxismus – mithin Befreiungsnationalismus (Vietkong, Maoismus) sei eher „westlicher“ als der liberale Kapitalismus und US-Imperialismus – letzere wurden von Adorno und Horkheimer verteidigt. Für Adorno und Horkheimer liefen hingegen nicht-westliche und nicht-kapitalistische Systeme unter „asiatische Barbarei“. Für eine deutsche nationale Frage hat sich Marcuse aber niemals positiv interessiert – im Gegensatz zu vielen im damaligen SDS.

Krahl, der zweite Mann im SDS, hatte Vorträge von Adorno „stürmen“ lassen. Hierbei ging es um den pro-Imperialismus und pro-Kapitalismus von Adorno, was der Theoretiker Krahl aber auch auf hohem intellektullen Niveau ideologisch darlegte.

Siehe: http://www.krahl-seiten.de/der%20politische%20widerspruch.htm

Der ideologisch und auch demagogisch begabte Redner ,sollte die Liberalen der kritischen Theorie wie Alexander Mitscherlich abkanzeln.

Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=_zWKnVNhSRg

Nun glaubte man im SDS an eine nationalrevolutionäre Situation im geteilten Deutschland, an eine Kolonialisierung in West und Ost. Deutschland falle der Status einer Kolonie zu, so das der Kampf des Vietkong auch deswegen unterstüzt wurde, weil Deutschland in einer Vietnam nicht unnähnlichen Situation sei. In der Theorie des SDS würden sich zwangsläufig nationale Revolutionen in West und Ost ergeben, die sich sowohl gegen die USA und das Monpolkapital als auch gegen den Stalinismus richten würden. Allerdings stand dahinter ein Rätesozialismus und nicht wie etwa beim heutigen Rolf Stolz eine soziale Marktwirtschaft im kapitalistischen System, was wohl auch daran liegt das er darauf angewiesen ist in rechten Zeitungen zu veröffentlichen, in welchen Kapitalismuskritik ein Tabu ist.

Natürlich wird kaum ein Rechter den Thesen zu 68 von Reinhold Oberlercher (Ex-SDS) folgen wollen. Oberlercher wird zwar in NPD-Kreisen geschätzt, aber sicherlich nicht wegen seiner 68er-Thesen, die sich für die meisten nationalen Rechten „verrückt“ anhören werden. Für den Ex-SDS-Mann ist nämlich 68 die radikalste nationalrevolutionäre Widerstandsbewegungen gewesen, die nur durch Verräter und Opportunisten scheiterte. Der Ex-SDSler geht nun nicht viel weiter wenn er die RAF als einzige „bewaffnete nationalrevolutionäre“ Gruppe der Nachkriegszeit bezeichnet.

Die Bezeichnung „nationalrevolutionär“ für einige in der APO ist nun nicht mit dem zu verwechseln was historisch gesehen nationalrevolutionär war – linke Leute von Rechts. Hierbei handelte es sich durchwegs um antiwestliche Kräfte die zumeist von der politischen Rechten kamen, während die APO-Nationalrevolutionäre von links kamen und sich zumeist auf ein Theorem links von Marx beriefen. Die jeweiligen Zugänge waren verschieden, stets an die jeweilige Zeit geformt.

So waren die Namen der Weimarer Nationalrevolutionäre 1967 oder 1968 sicherlich kein Begriff. Woher auch? DIe meisten Handelnden waren damals zwischen 20 und 30. So das man zum Teil noch nicht einmal geboren war als die Namen Niekisch, Scheringer und wie auch immer ein Begriff in Weimar waren. Aktiv war nur noch eine Strasser-Gruppe in der BRD, die aber etwa von Wolfgang Abendroth positiv gesehen wurde. In den frühen bis späten 60ern fungierte dann die NPD als möchtegern Steigügelhalter der CDU. Eine systemkritische „Rechte“ war nur marginal vorhanden.

Parallel zum Dutschkismus bildete sich aber wieder eine nationalrevolutionäre rechte Tendenz unter dem damaligen Begriff „Neue Rechte“, die sich von der alten Rechten abgrenzte. Zum Teil gab es starke Übereinstimmungen zwischen Neuer Rechter und den nationalen Teilen der Neuen Linken, aber beide Kreise scheiterten jeweils im eigenen Spektrum. Man zog sich entweder zurück, oder war darauf angewiesen im eigenen Spektrum zu einer Minderheit zu verkommen.

Nun hat Oberlecher nicht ganz unrecht, aber auch nicht ganz recht. Seine Deutung ist zumindest teilweise überzogen. Ebenso wie die rechte Deutung zu 68 – zumindest diejenige der allermeisten Rechten. In der APO gab es etwa damals Nationalrevolutionäre, auch an der Führungsspitze, die aber gar nicht die Mehrheit hinter sich hatten, so das die Differenzen damals durch „Anti-Vietnam“ und „Anti-Noststand“ überdeckt wurden – für eine kurze Zeit. Der SDS sollte sich 1970 auflösen, nach dem Attentat auf Dutschke und dem Tot von Krahl.

Einige Thesen des Dutschkismus und Krahlismus mögen unter neuen Vorzeichen aber durchaus wieder aktuell sein. Einiges wirkt sogar prophetisch – so etwa Dutschkes Sicht der Veränderung des Kapitalismus über eine Technisierung. „Provokation“ und „Agitation“ werden zwar etwa von den rechten Identitären praktiziert, aber ohne eine revolutionäre Perspektive. Dies wird schon durch eine Anbindung an FPÖ und AfD verhindert, und der sich daraus ergebenden „Integration“, in das von rechts gedachte System. Der „Druck“ auf Sebastian Kurz dürfte da verenden, wo der „Druck“ auf Brandt und Wehner landete.

Verfasser: Sozrev

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Kommentare

  • hanswernerklausen  Am 30. April 2018 um 19:04

    Einige SDS-Studenten in Westberlin hatten in dessen letzten Lebensjahren Kontakt zu Ernst Niekisch

    in diesem 2013 veröffentlichten Buch (hervorgegangen aus einer Dissertation) findet man einiges dazu

    Die Neue Linke und die nationale Frage
    Deutschlandpolitische Konzeptionen und Tendenzen in der Außerparlamentarischen Opposition (APO)
    http://www.nomos-shop.de/Stangel-Neue-Linke-nationale-Frage/productview.aspx?product=20639

    Aus einer Buchrezension
    Der Autor holt weit aus, bevor er zu seinem eigentlichen Thema kommt. Fast 50 Seiten widmet er den deutschlandpolitischen Konzeptionen von SPD und KPD nach 1945 und gut 25 Seiten allein der Rolle von Ernst Niekisch. Der Hauptvertreter des „Nationalbolschewismus“ der Weimarer Zeit war in den 1960er Jahren Förderer und Mentor des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) und wurde von den jungen APO-Aktivisten wohl vorwiegend aufgrund seiner Widerstandsbiographie verehrt. Ein ideologischer Einfluss auf die Studentenbewegung, gar im linksnationalistischen Sinn, ist aber noch nicht einmal im Ansatz erkennbar. „Seine genaueren, politischen Zielsetzungen wurden entweder ausgeblendet, waren nicht bekannt oder passten nicht mehr in die gewandelte Agenda der politischen Linken“, muss Stangel feststellen (121).
    http://www.sehepunkte.de/2015/07/25748.html

  • sozrev  Am 30. April 2018 um 22:02

    Ja! Das war aber noch vor dem Eintritt der „Dutschkisten“ in den SDS. Der SDS wurde 1961 aus der SPD ausgeschlossen, Die Dutschkisten übernahmen „erst“ 1965 das Ruder. Das bekannteste SDS-Mitglied war gar nicht Dutschke, sondern Hemut Schmitt, der den damals SPD-nahen SDS 1947 als Bundesvorsitzender anführte.

    Einen „lustigen“ Text gibt es im übrigen vom bayrischen Staatsfunk:

    https://www.br.de/nachrichten/1968-rechte-linke-100.html

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