Der indische Nationalismus

Deutsche lieben Indien: Indien ist bunt und schillernd, das Land von Bollywood, einer exotischen küche. Was wissen die meisten noch über Indien? Es gibt eine exotisch anmutendene Religion (Hinduismus), man kennt den Namen Gandhi, das Kastenwesen und Mutter Theresa – die aber keine Inderin war. Ach ja und vielleicht „Kinder statt Inder“!

Auch unter Einwanderungskritikern in Deutschland sind Inder nicht unbeliebt oder man sieht sie zumindest nicht als großes Problem. Dies liegt daran das sich diese zumeist unauffällig verhalten, kaum krimniell werden und keine große Ansprüche und Forderungen stellen. Hier ähneln Inder eher anderen asiatischen Migranten wie etwa Koreanern oder Chinesen. Zumindest hat noch niemand was von indischen Gangs, U-Bahn-Mördern oder indischen Terroristen in Deutschland gehört – wie auch nicht von vietnamesischen oder chinesischen.

Der indische Präsident Modi bezeichnet auch nicht die Deutschen als „Nazis“ und hat schlichtwegs kein Interesse daran auf die deutsche Innenpolitik wie auch immer Einfluss zu nehmen. Freilich werden in Deutschland Einrichtungen der indischen Sikhs und auch von Hindus angegriffen – von Salafi-Muslimen. Sicher wird das aber auch in Indien registiert – im Gegensatz zum Mainstream in der BRD.

Indien verfügt über eine der ältesten Hochkultuturen der Welt. Die alten Inder bauten ein riesiges Handelsnetz aus das bis nach Arabien und gar bis nach Afrika hinein reichte. Die Ramayana gilt als eine der literarischen Meisterleistungen der Antike – neben dem Gilgamesch-Epos und der griechischen Mytholgie und der Bibel. Die ersten Schriftsiegel dieser Hochkultur bilden noch immer ein Rätsel – und konnten nicht übersetzt werden.

Der Begriff „Arier“ kommt wohl aus Indien, von nomadischen krigerischen aber kultivierten Hirten, die sich selbst als „Arya“, zu deutsch „die Edlen“ bezeichneteten. Die Inder bestehen selbst aus keinem einheitlichen Rassentypus, sondern aus sehr verschiedenen, von sehr hellhäutigen Typen bis zu eher sehr dunklen. So spricht man auch keine einheitliche Sprache, sondern je nach Bundesstaat verschiedene Idiome und Sprachen. Es gibt indioarische Sprachen, dravidische, sogenannte „tibetobirmanische“ und „Kutai“-Sprachen sowie „Munda“, „nicoberanische Sprachen“ und andamische sowie Nihai-Sprachen, Daneben gibt es bis zu 60 kleinere Sprachruppen (etwa Bengali, Punjabi, Sanskriti, Sindhi oder Tamil).

Das „Kastensystem“ hat darüber hinaus durchaus eine „rassische“ Komponente, so das zumindest der Begründung nach sich in den höheren Klassen eher die hellhäutigeren Inder finden lassen und in den niedrigeren oder bei den Ausgestoßenen die Inder mit einer dunkleren Haut. Natürlich stimmt dies nicht so ganz. Die höchste Kaste – die Brahmanen – besteht eher aus relativ dunklen Typen oder zumindest dem „Durschschnitt“, während sich im „Mittelbau“ relativ viele sehr helle Typen finden lassen, die man zum Teil ohne Wissen für Spanier oder Italiener halten könnte.

Viele dieser Sprachen sind keine „Dialekte“ wie etwa bayrisch oder sächsisch, sondern eben eigene Sprachen. Indien verfügt zudem über ein quasie-feudalistisches „Kastenwesen“ mit einer Bevölkerung von weit mehr als 1,3 Milliarden. Der Begriff „Kaste“ ist nun eine europäische Übersetzung. da der indische Begriff Varna „Farbe“ bedeutet. Die „Avarna“ (Unberührbaren) gehören selbst gar keiner „Kaste“ an – von welchen es bis zu 2000 Kasten gibt. Die Begründung wird dabei von der Mythologie abgeleitet und bezieht sich auch nur aif Hindus – aber nicht auf die großen Minderheiten etwa der Muslime und Christen.

Mit der Zeit wurde hieraus eine Bestimmung über „Berufskasten“. Die untersten sozialen Schichten gelten als „unrein“ und haben kaum eine Chance auf sozialen Aufstieg. 170 Millionen Inder gehören zu dieser unterdrückten Unterklasse. Noch darunter stehen die „Adivasi“, 84 Millionen, die Stammesangehörigen, die sich als „Ureinwohner“ bezeichnen.

Die Diskriminierung der „Unberührbaren“ ist sowohl ein Thema von Studentenprotesten, sozialen Bewegungen – die sich aktuell an einer Mordkampagne gegen die „Dalits“ oder „Avarna“ entzünden. Die Protestbewegung hat teilweise auch eine „Reformfraktion“ von Modis BJP erfasst. In der indischen Verfassung wurde zwar die Diskriminierung der „Dalits“ herunter gebrochen, aber nicht abgeschafft – erst recht nicht in der „Realität“.

Rein statistisch betrachtet steht Indien wirtschaftlich nicht schlecht da, mit einer offiziellen Arbeitslosenrate von 5 Prozent. Bei der „Arbeit“ handelt es sich aber um Teilen um „Jobs“ unter dem Existenzminimum und einer Ausgrenzungstendenz gegen die unteren Schichten. So das man es mit einer Klassenspaltung zu tun hat: Eine Oberschicht und „Neureiche“, sowie eine große Zahl von Verelendeten. Man sollte aber bedenken das Indien 1,3 Millionen Staatsbürger zu ernähern hat und nicht 80 Millionen oder 8 Millionen. Verhungern muss man in Indien doch nicht – wie auch nicht in China – was schon eine Leistung angesichts der Ausmaße ist.

Indien ist auch multireligiös: An die 80 Prozent stellen die Hindus, die Muslime etwa 10 Prozent, wobei nicht beachtet wird das die Muslime nur in zwei Bundeststaaten die Mehrheit stellen, die Christen aber in vier. Hierbei kommt es vermehrt seit 20 Jahren immer wieder zu religiösen Spannungen zwischen Hindus und Muslimen. Bei Ausschreittungen und bewaffneten Auseinandersetzunegn wurden auf beiden Seiten tausende massakriert. Indien wirft zudem dem Erzfeind Pakistan vor jihadistische Terrorkommandos zu organsieren, wobei sich Indien und Pakistan seit Jahrzehnten in der umstrittenen Region Kaschmir bekriegen. Die beiden Staaten führten ingesamt drei Kriege gegeneinander.

Der Krieg um Kaschmir scheint merkwürdigerweise von der „Weltöffentlichkeit“ vergessen zu sein. In dieser Region starben aber in den letzten 20 Jahren wohl bis zu 150.000 Menschen. Es gibt einen weiteren Krisenherd: Die Naxaliten – nationalkommunistische Guerillas – führen seit Jahren einen Partisanenkrieg gegen das indische Militär.

Indien gilt als die größte „Demokratie“ der Welt. Mehr oder weniger ähnelt der Aufbau des politischen Systems einem europäischen. Es gibt einen Staatspräsidenten, Premier, ein Parlament, eine Kammer – die dem Bundesrat ähnelt, Länderparlamente. Der Präsident wird von einem „Wahlkollegium“ gewählt aus Abgeordneten von Unions- und Länderparlamenten. An sich wurde dieses Systems in 60 Jahren nie aufgeweicht – im Gegensatz zu Südkorea, das etwa über viele Jahre hinweg eine Militärdikaktur war.

Bestimmende Ideologie ist, was aber zumeist in Deutschland nicht gesagt wird, der indische Nationalismus – in seinen verschiedenen Schattierungen: Entweder als Hindu-Nationalismus oder als eher „säkularer“ sozialreformistischer Nationalismus. Derzeit regieren die Hindu-Nationalisten unter Modi, der noch Anfang der 2000er auf einer „Einreiseverbotsliste“ der USA stand – auch noch unter Obama. Modi wurde vorgeworfen eine Teilverantwortung für Massaker von Hindu-Nationalisten gegen die Minderheit der Muslime zu tragen.

Die eher säkularen Nationalisten – im Sinne einer nationalen Einheit – wurden auch von den indischen Kommunisten unterstützt. Säkular ist hier eingeschränkt zu verstehen, da es sich um Nationalisten mit einem religiösen Hintergrund handelt, die aber keine „Fundamentalisten“ sind, welche deswegen die indische Nation „spalten“ wollen. So wurde Gandhi auch von einem fanatischen Hindu-Nationalisten ermordet, weil dieser ein Gesamt- oder „Großindien“ erhalten wollte,
Gegen Indira Gandhi opponierte man von Seiten der Hindu-Nationalisten in Hass, weil diese „halbchristin“ war, die Mutter war eine Katholikin.

Hierbei handelt es sich -Hindu-Nationalisten und eher säkulare Nationalisten – um zwei konkurrierende Flügel, da sich der Hindu Nationalismus nur auf die Hindus als Nation bezieht, wohingegen die sich auf Gandhi und Neru berufendende Gegenrichtung, die „ganze Nation“ meint – auch teilweise mit Hinblick auf die ausgestoßenen Klassen, die an die 250 Millionen Inder ausmachen.

Nun gelten die Hindu-„Nationalisten“ im Westen unter Indien-Experten als „radikaler“, aber da kommt es darauf an, was man darunter versteht. Gandhi und Neru versuchten ein „Gesamtindien“ zu erhalten – mit „Pakistan“ und „Bangladesch“, oder als deutlich wurde das dies unwahrscheinlich sei, zumindest eine „Konföderation“. Eine gesonderte ethnische pakistanische Nation gab es nun nicht, sondern hierbei handelt es sich um ethnische „Inder“, muslimischen Glaubens. Gandhi wie auch Neru scheiterten an moslemischen und hinduistischen Separationsfanatikern.

Die staatliche Einheit Pakistans scheiterte dann selbst, aufgrund der Abspaltung von Bangladesch in einem Krieg gegen Pakistan. Viele wissen wohl auch nicht was „Pakistan“ bedeutet. Dabei handelt es sich um eine Akronym für „Pakistan“, „Afganistan“, „Bangladesch“ und „Kaschmir“.

Der indische Nationalismus wurde im Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft gestählt. Damals gab es drei Richtungen: Eine feige „nationalliberale“, die darauf baute die britischen Kolonialherren würden wegen der „Aufklärung“ den Indern zumindest gewisse Spielräume einräumen, eine sozialrevolutionäre-radikale Position und eine halbradikale, die mit der radikal-nationalrevolutionären korrespondierte – Gandhi und Neru.

Siehe: https://www.chbeck.de/rothermund-geschichte-indiens/product/14595

Unter Neru spielte Indien einen wichtigen Anteil unter den „Blockfreien“. So das man Indien als antiimperialistischen Staat verstand. Die Nachfolger sollten die Linie immer mehr aufweichen, aber nie zur Gänze ablegen. Heute laviert Indien und ist zum einem Mitglied der BRICS-Staaten und der ASAM-Gruppe, kooperiert aber mit den USA, vor allem gegen den Erzfeind Pakistan und den islamischen Fundamentalismus. In der BRICS-Gruppe gibt es vor allem Differenzen mit dem asiatischen Konkurrenten China – aber kaum mit Russland.

Trotz Probleme ist China der größe Hauptlieferant der Wirtschaft Indiens. Die USA folgen auf Platz Zwei – allerdings mit großem Abstand. Die Wachstumsquote beträgt im Schnitt über 7 Prozent. Indiens Erfolge wurden unter Neru und den folgenden Sozialreformismus angelegt: Eine handelspolitische Abschließung gegenüber dem kapitalistischen Weltmarkt, eine Beschränkung des Marktzugriffes von ausländisches und inländisches Großkapital, eine staatliche Lenkung von Teilen der nationalen Wirtschaft, Lenkung von Bankkrediten von Seiten des Staates. Dies führte zu dem Aufbau der indischen Industrie, einer Verhinderung von Monopolisierung und einem negativen Ausgreifen der regionalen Disparität.

Von kapitalistischen „Reformen“, in Indien ab 1991, profitierten ähnlich wie in China Teile der Inder, also von der „Vorarbeit“, und sehen sich nun aber mit einer großen sozialen Protestbewegung gegen die vielseitigen negativen Auswirkungen konfrontiert. Indien hat sich vor allem im Technologie und IT-Bereich als Hausmacht erwiesen und konnte die Wachstumssteigerung aus den asiatischen Märkten ziehen – wo man mit China konkuriert.

So das nun das letzte Wort im Sinne eines indischen Antikapitalismus gerade noch nicht gesprochen sein dürfte. Dies müsste logischerweise zum einem auf die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen reagieren, aber auch auf die einstigen Ansätze anknüpfen – Blockfreie, Gandhi, Neru und noch radikalare nationalrevolutionäre Ansätze.

Wo wäre die Rolle Deutschlands? Zum einem meinte selbst in der FAZ ein zweifsohne vereizelter Autor Deutschland könnte sich den BRICS-Staaten „anschließen“. Das war 2011. So einsam ist dieser aber nicht mehr, da auf einmal Angela Merkel mit China und Indien „kooperieren“ möchte. Jenseits der Unperson Merkel ergeben sich damit für einen deutschen souveränen Staat neue Möglichkeiten – tendenziell weg von Washington und wohl auch Brüssel.

Die Bedeutung Indiens ist keinesfalls zu unterschätzen. Indien ist faktisch ein Subkontinent, mit einer gewaltigen Bevölkerungsmasse, einem Militär das zwar nicht China und den USA überlegen ist, aber zumindest den EU-Staaten. Indien spielt auch wirtschaftlich eine immer größere Rolle, wie dem Buch „Indien: Aufstieg einer asiatischen Weltmacht“ von Dietmar Rohtermund entnommen werden kann – Deutschlands wichtigster Indien-Kenner.

Verfasser: Sozrev

Kommentiere oder hinterlasse ein Trackback: Trackback-URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: