Warum ich Antisemit wurde und heute keiner mehr bin

Eine flüchtige Bekannte fragte mich neulich, wie ich denn zum „Antisemitismus“ stehe. Da dieses Thema von allgemeinem Belang ist und vielleicht noch Leser der SdV-Seite interessieren könnte, antworte ich hier
 
Der sogenannte Antisemitismus ist, wie er heute vor allem in der veröffentlichten Meinung der BRD Verwendung findet, kein wissenschaftlich exakt greifbarer, sondern in vielen Fällen ein bewußt schwammig beziehungsweise dehnbar angelegter, polemischer und zur Diffamierung und Kriminalisierung politischer Gegner dienender Begriff. – Diese im rechtsnationalen Spektrum häufig anzutreffende Argumentation, die auch ich unterstütze, dient aber allzu oft dazu, unterschwellig zu behaupten, daß es doch überhaupt keinen „Antisemitismus“ gebe, dieser Vorwurf vielmehr von Juden und philosemitisch gestimmten deutschen Politikern und Journalisten alleine zur Diffamierung und Kriminalisierung von Kritikern von Juden diene. – Genau dies ist ja oftmals der Fall, aber selbstverständlich gibt es auch so etwas wie „Antisemitismus“.

 
Ich möchte mich jetzt nicht lange bei Wortglauberei aufhalten, wie sie gerne in sektiererhaft pseudovölkischen Kreisen gepflegt wird, demzufolge wir deutschen Nationalisten ja in Wirklichkeit antidudaistisch beziehungsweise antijüdisch und nicht antisemitisch gesinnt seien, weil wir ja nicht die Juden gemeinsam mit den ebenso semitisch sprechenden Palästinensern beziehungsweise Arabern kritisierten. – Nur so viel: Der Begriff des „Antisemitismus“ ist sicherlich dann sinnvoll, wenn Judenfeinde den Juden deren „semitische“, „vorderasiatische“ Rasse beziehungsweise deren Abstammung vorwerfen.
 
Siehe hierzu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Semiten
 
Der „Antijudaismus“ kann schließlich auch auf die jüdische Religion abzielen. Insofern wären Christen und Mohammedaner, welche die Juden als Juden ablehnen, diese aber zum Christentum beziehungsweise zum Islam missionieren möchten, Antijudaisten. Hitler war in diesem Sinne tatsächlich Antisemit, da er den Juden deren „semitische“ Rasse vorwarf. Schließlich ging es Hitler nicht darum, daß die Juden in seinem Machtbereich die hebräisch-semitische Sprache ablegen sollten, welche die meisten von denen gar nicht beherrschten – vielmehr die Überlebenden des Holocausts infolge der Gründung des israelischen Staates neu erlernen mußten -; sondern in den 1930er Jahren als Muttersprache beispielsweise deutsch oder polnisch sprachen. Der Antisemit wirft also den Juden deren genetische Herkunft vor, für die der einzelne Betroffene nichts (verändern) kann.
 
Der Antisemitismus ist heute in Deutschland deshalb in öffentlichen Debatten nicht mehr wissenschaftlich greifbar, weil dieser Begriff Inhalte, Einstellungen und Handlungen umfaßt, die von Gewalt gegen Juden, weil sie Juden sind, zur Kritik von einzelnen Juden und von Israel reicht. Somit wird alleine schon verbale Kritik an Juden oder Israel mit Gewaltanwendung gegen Juden unter einem Begriff, dem des „Antisemitismus“, gefaßt. – Das Ziel dieser perfiden Methodik kann nur darin bestehen, verbale Kritik gegenüber Juden oder Israel zu kriminalisieren. Wer beispielsweise wie ich als Autor in verbaler oder schriftlicher Form einzelne Juden oder Israel kritisiert, sei ein „Vordenker“ oder „geistiger Brandstifter“ derjenigen, die gewaltsam gegen Juden vorgehen.
 
Selbst Artikel der „Jungen Welt“, die als marxistische Zeitung einen Abstammungsjuden zum absoluten Vorbild hat, stehen unter dem Verdacht des „Antisemitismus“, weil in denen die israrelische Politik kritisiert wird. Für der konservativen jüdischen Historiker Michael Wolfsohn ist Antizionismus sowieso nur eine schicke Tarnung für linken Antisemitismus.
 
Schließlich geht die Antiantisemitismusschnüffelei sogar heute schon soweit, Kritikern der USA und des Kapitalismus allgemein „Antisemitismus“ zu unterstellen, auch wenn deren verbale oder schriftlichen Äußerungen sich in keinem Wort auf Juden beziehen. – Diese Beiträge – dies ist kein Witz! – seien eben „antisemitisch konnotiert“, weil ja beispielsweise hinter der Kritik des Kapitalismus der raffende Kapitalist (= Jude) versteckt sei. Und daß USA-Kritiker insgeheim immer unausgesprochen die „amerikanische Ostküste“ diffamierten, sei ja sowieso klar.
 
Was in politisch korrekten Debatten über Antisemitismus zumeist unterschlagen wird, sind die Ursachen beziehungsweise die Gründe für denselben. Wie immer bei moralisierenden Positionen werden den Antisemiten einfach nur schlechter Charakter oder psychische Verhaltensauffälligkeiten unterstellt – und somit stellt sich scheinbar die Frage nach den wirklichen Gründen für Antisemitismus nicht, die ja auch etwas mit bestimmten Juden selbst zu tun haben können (daß am Antisemitismus auch Juden Verantwortung tragen können, ist d a s politisch korrekte Tabu unserer Zeit!).
 
Hier soll gar nicht behauptet werden, daß es Verhaltensauffälligkeiten, die bestimmten Antisemiten zueigen sind, wie einst beim Herausgeber des „Stürmers“ Julius Streicher, nicht geben könnten. Ressentiments können sich aber nicht nur auf persönliche Gegebenheiten beziehen, sondern auch auf die kollektive Person. – Denn wie jede „Anti“-Haltung ist der Antisemitismus eine Reaktion auf gefühlte, eingebildete wie tatsächliche Benachteiligungen der eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe gegenüber – in diesem Falle – Juden.
 
Ungefähr Mitte der 1980er Jahre wurde ich zum geistigen und verbalen Antisemiten, weil mich die Besserstellung der jüdischen Opfer des Holocausts gegenüber den deutschen Opfern des Zweiten Weltkrieges provozierte. In späteren Jahren konnte auch ich über das Bonmot des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex schmunzeln: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen!“
 
Siehe hierzu:
https://www.zeit.de/2003/47/01_____Leiter_1
 
Es geht aber bei dem Wahrheitsgehalt dieser These nicht ausschließlich darum, wie Rex meint, daß bestimmte Juden durch die Opferroller ihrer Vorfahren den Deutschen immer wieder die Verbrechen von deren Vorfahren vorhalten, sondern um die tatsächlich vorhandene Hierarchie der Opfer, wodurch sozusagen ein „Opferneid“ entsteht. – Deutsche Opfer des Zweiten Weltkrieges und auch heutige Opfer der Palästinenser seien eben weniger wert als jüdische Opfer (zumal die deutschen Opfer zuallerst Täter gewesen seien, die Juden damals wie heute eben nur Opfer). Genau dies provoziert auch Migranten bei uns, die arabischen Hintergrund besitzen, zu antijudaistisch motivierten Straftaten gegen jüdische Kippaträger beispielsweise in Berlin.
 
Siehe hierzu:

 
Die n e g a t i v e Sonderbehandlung von Juden, die einst im Konzentrationslager oder hinter den Frontlinien stattfand, ist nach 1945 bei uns abgelöst worden von der p o s i t i v e n Sonderbehandlung von Juden, indem man beispielsweise bei der „Süddeutschen Zeitung“ den altgedienten Karikaturisten Dieter Hanitzsch in den lange fälligen Ruhestand schickt, weil dieser zumindest in einer Zeichung den israelischen Politiker Netanjahu allzu klischeehaft jüdisch dargestellt haben soll. – Dies verstärkt wohl auch im linken und linksliberalen Milieu den Eindruck, daß es auch heute bei uns Deutschen für Juden eine (allzu positive) Sonderbehandlung gibt.
 
Siehe hierzu:
https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/31653
 
https://www.welt.de/debatte/kommentare/article176504587/SZ-Karikatur-Der-Antisemitismus-im-linksliberalen-Milieu-sitzt-tief.html
 
Insofern ist es fragwürdig, ob die deutschen Philosemiten wirklich die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen haben.
 
Schließlich bin ich heute nach meiner eigenen Einschätzung kein Antisemit mehr, weil ein bloßes Ressentiment, wo es zwar tatsächlich eine Benachteiligung als Deutsche gegenüber Juden gibt, aber eben nur ein Zeichen der Schwäche ist und nicht zur Überwindung dieses Zustandes beitragen kann, sondern diesen nur noch verstärkt. Schließlich ist es auch ein Zeichen von Dummheit, Juden vorzuwerfen, daß viele von denen heute ihre eigenen politischen Interessen erfolgreicher Vertreten als wir Deutschen. – Juden vorzuwerfen, daß sie Juden sind, ist nur wirklich nicht sehr geistreich!
 
Jürgen Schwab
 
 
Bücher von Jürgen Schwab:
Die Manipulation des Völkerrechts. Wie die „Westliche Wertegemeinschaft” mit Völkermordvorwürfen Imperialismus betreibt. Kyffhäuser Verlag, Mengerskirchen 2011, 14,95 Euro.
 
In diesem Buch setze ich mich schwerpunktmäßig mit den Thesen des amerikanisch-jüdischen Politologen Daniel Goldhagen auseinander.
 
Siehe hierzu:
https://www.amazon.de/Manipulation-Völkerrechts-Wertegemeinschaft-Völkermordvorwürfen-Imperialismus/dp/3941348779
 
Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 9,80 Euro.
Die „Westliche Wertegemeinschaft”, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 9,80 Euro.
 
Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro.

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