Besprechungen (40)

Werner Bräuninger kommt von Adolf Hitler einfach nicht los. – Mit seinem neuen Buch hat dieser Autor zwar das Genre gewechselt, aber sein Gegenstand, um den sich bei ihm schriftstellerisch alles dreht, hat sich nicht geändert.

Bräuninger hatte in den letzten Jahren immer wieder Bücher über zeitgeschichtliche Themen vorgelegt, zuletzt eine Biographie über den Hitler-Verbündeten Benito Mussolini, zuvor eine über den Neonazi Michael Kühnen, der vor allem in den 1980er Jahren „politisch“ aktiv gewesen war. Aber auch bei diesem Buch drehte sich Bräuningers Interesse indirekt um die Hitler-Zeit, die ja von Neonazis wie Kühnen irgendwie mumifiziert wird.

Bräuningers neues Buch ist eine Novelle. Der Autor hatte, wie er in seinem persönlichen Nachwort schreibt, in seiner „inzwischen 30-jährigen Autorschaft deutlich und mit Macht gespürt“, daß er „das Genre einmal wechseln müsse“ und sich „für eine ganze Weile von der Zeitgeschichte ganz abzuwenden hätte […].“ (Werner Bräuninger: Eine bleiche Erinnerung, S. 174) Diese Selbsteinschätzung kommt insofern einem Trugschluß gleich, da sich der Autor zwar mit dieser Novelle von der Zeitgeschichte als Forschungs- und Interpretationsgegenstand abwendet, aber die Zeitgeschichte um Hitler nach wie vor das Sujet auch seiner belletristischen Ambitionen bleibt.

Bräuninger bleibt also dem Stoff der Hitlerschen Epoche nach wie vor verhaftet. Dem Autoren dient diese Zeitgeschichte jetzt als Projektionsfläche für Fiktion. Auch ich habe mir manches Mal die Frage gestellt, was wäre zeitgeschichtlich passiert, wie stünden wir denn heute da, wenn Hitler 1933 gar nicht in Deutschland an die Macht gekommen wäre? Hitler hätte beispielsweise durch ein Querfrontkabinett Kurt von Schleichers am Ende der Weimarer Republik verhindert werden können, aber da spielte Reichspräsident Paul von Hindenburg nicht mit. Die vielen Attentate auf Hitler nach der sogenannten Machtergreifung seien nur am Rande erwähnt. Insofern ist es eine geniale Idee, derartige Gedankenspiele einmal zum Gegenstand einer Erzählung zu machen. So erzählt Bräuninger die Biographien von Hitler und von Thomas Mann neu, wobei dieses Unterfangen sicherlich „reine Fiktion“ ist. (ebenda, S. 172)

Der wirkliche Thomas Mann erzählte in seiner Novelle „Das Eisenbahnunglück“ vor autobiographischem Hintergrund, daß ihm einmal infolge eines Unfalls bei einer Zugfahrt ein wichtiges Manuskript schier abhanden gekommen wäre. Bräuninger erzählt nun in seiner Novelle „Eine bleiche Erinnerung“, daß dem Schriftsteller Mann sein für seine Karriere immens wichtiges Buchmanuskript über die „Buddenbrooks“ auf dem Postweg von der Münchner Hauptpost zum Verleger nach Berlin verloren ging. (ebenda, S. 9-10) Eine Abschrift hatte Mann leichtsinnigerweise nicht angefertigt. (ebenda, S. 11) In der wirklichen Literaturgeschichte bewirkte die Veröffentlichung der „Buddenbrooks“ den Durchbruch Thomas Manns zum weltweit bekannten Schriftsteller und zum Literaturnobelpreisträger; in Bräuningers Novelle führt der Verlust des Manuskripts zum Scheitern Manns, der dann frustriert von München nach Wien übersiedelt, (ebenda, S. 19) in dieser Stadt letztendlich in einem Männerheim strandet, (ebenda, S. 22) dort bzw. in der Hofoper keinen Geringeren als Adolf Hitler kennenlernt. (ebenda, S. 26) Beide Personen sind Unbekannte, bleiben auch bis zum jeweiligen Lebensende relativ Unbekannte, von denen nur eine „bleiche Erinnerung“, so der Titel der Novelle, bleibt.

Mann und Hitler, die bei Bräuninger miteinander befreundet sind, siedeln später von Wien nach München über, (ebenda, S. 109) wo sie sich gemeinsam ein Zimmer teilen. (ebenda, S. 110) Über weite Strecken der Novelle erleben die Leser interessante Dialoge der beiden, die diesen vom Autoren in den Mund gelegt wurden. Freilich besticht Bräuninger durch seine fundierten zeitgeschichtlichen Kenntnisse, die aus seinen über 30jährigen Studien in diesem Metier herrühren. Die fiktiven Äußerungen von Adolf und Thomas sind so konzipert, wie sie wirklich hätten geäußert werden können, hätten – ja hätten – sich die beiden jemals kennengelernt und wären miteinander befreundet gewesen. Daß sich der wirkliche Thomas Mann kritisch mit Hitler befaßte, darauf verweist Bräuninger zurecht, indem er im Nachwort an dessen Essay „Bruder Hitler“ erinnert. (ebenda, S. 175) Zudem erscheint auch der Gedanke einer partiellen Wesensverwandtschaft der beiden nicht völlig abwegig, zumal Mann in seinem Buch „Betrachtungen eines Unpolitischen“ während des Ersten Weltkrieges doch sehr politisch Partei für das Deutsche Kaiserreich und gegen Frankreich ergriffen hatte – sicherlich auch eine Anspielung auf seinen frankophilen Bruder Heinrich Mann. Aber sicherlich hätten sich Adolf und Thomas auch in vielen Themen widersprochen, wie dies in Bräuningers Buch an den Beispielen „Juden“ und „Homosexualität“ offenkundig wird.

In der hier zu besprechenden Novelle begeht Thomas Mann zu Beginn des Ersten Weltkriegs als gescheiterter Schriftsteller Selbstmord. (ebenda, S. 167-168) Tragischerweise wird sein verloren gegangenes Buchmanuskript über die „Buddenbrooks“ von einem Studienfreund Manns nach dessen Selbstmord bei einer Versteigerung aufgefunden. (ebenda, S. 168-169) Der Text wird nie veröffentlicht. (ebenda, S. 170) – Was Hitler anbelangt, so fällt dieser 1914 an der Westfront bei einem Sturmangriff. (ebenda, S. 166) Das Deutsche Kaiserreich gewinnt am Ende den Krieg. (ebenda, S. 171) Selbst wenn Hitler den Ersten Weltkrieg überlebt hätte, was für den wirklichen Hitler ja zutraf, hätte infolge eines deutschen Siegs sein politischer Aufstieg nie stattgefunden. Ohne die Demütigung der Deutschen durch das Versailler Diktat wäre Hitler niemals Führer und Reichskanzler geworden. Der Zweite Weltkrieg als Revanchekrieg wäre der Welt erspart geblieben.

Aber in Wirklichkeit kam es ganz anders. – Hitler wurde nicht – wie bei Bräuninger – Bauzeichner in München, (ebenda, S. 115-120) fiel auch nicht kurz darauf im Ersten Weltkrieg, (ebenda, S. 166) sondern scheiterte als größter Feldherr aller Zeiten (als „Gröfaz“) und als maßloser Imperialist. – Das ist eben die Ausgangssituation, warum ein Autor wie Bräuninger heute auch als Belletrist zwar begabt ist, es am Ende aber nicht zum Literaturnobelpreisträger wie der echte Thomas Mann mit seinen „Buddenbrooks“ bringen wird. Bräuninger wie auch ich entstammen politisch der nationalen deutschen Rechten, weshalb wir – der eine mehr, der andere weniger – infolge der Hitlerschen Hinterlassenschaft gesellschaftliche Randexistenzen sind und versuchen das Beste aus unserem Leben zu machen. Das Leben ist für unsereins gewiß nicht immer einfach, aber eben doch viel zu schön, als daß man sich wie der fiktive Thomas Mann mit Selbstmordplänen befassen müßte.

Bräuninger, Werner: Eine bleiche Erinnerung. Novelle. Arnshaugk Verlag, Neustadt an der Orla, 2019, 175 S. 18,– €

http://www.arnshaugk.de/index.php?v=0&korb=;&autor=Br�uninger, Werner

Jürgen Schwab

Bücher von Jürgen Schwab:

Die Manipulation des Völkerrechts. Wie die „Westliche Wertegemeinschaft” mit Völkermordvorwürfen Imperialismus betreibt. Kyffhäuser Verlag, Mengerskirchen 2011, 14,95 Euro.

Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 9,80 Euro.

Die „Westliche Wertegemeinschaft”, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 9,80 Euro.

Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro.

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Kommentare

  • Korrektor  On 8. April 2019 at 21:03

    Der Link am Ende des Artikels ist nicht vollständig

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