Besprechungen (13)

Obwohl Werner Bräuninger in seinem Nachwort zu seinem Buch „Odeonsplatz“ bekundet, daß seine „Absicht“ nicht darin bestanden habe, eine „weitere Hitlerbiographie vorzulegen“, (ebenda, S. 258) ist ihm genau dies gelungen – nämlich eine neue Hitlerbiographie im Universitas Verlag vorzulegen.

Siehe:
http://marmorklippen.de/op.html

Da mag sich mancher, der den Text des hessischen Historikers (noch) nicht kennt, fragen, ob man in die Donau noch zusätzlich Wasser schütten soll bzw. ob es nicht schon genug Hitler-Biographien gibt. Davon abgesehen, daß Bräuninger sein Buch als Großessay versteht, der nicht mit einem großen Anmerkungsapparat überfracht et ist, wobei sich darin „jedes Wort […] leicht“ vom Autoren belegen lasse (ebenda, S. 258), so liegt das Besondere des Textes in dem Blickwinkel des Verfassers.

Wie schon in anderen Werken ist Bräuninger der „Forderung Rankes gerecht“ geworden, „nämlich darzustellen, wie es eigentlich gewesen“ war. (ebenda, S. 258), weshalb er bewußt – wie dies in Werken etablierter und linker Hitler-Forscher der Fall ist – auf eine „Totalverdammung“, aber auch auf eine „unreflektierte Apologie und Glorifizierung“ verzichtet, sondern den „Mensch Adolf Hitler“ aus dessen eigenem Selbstverständnis in den Mittelpunkt rückt. (ebenda, S. 257-258) Hitler konnte – vor allem als er über große politische und militärische Macht verfügte – grausam zu vielen Menschen sein, aber da die menschlichen Charaktere selten nach dem Schwarz-Weiß-Muster gestrickt sind, war er ein großer Verehrer seiner Mutter, wie Bräuninger dies belegt, indem er vollständig ein Gedicht Hitlers an dessen Mutter abdruckt. (ebenda, S. 33)

In der Tat bezieht hiermit Bräuninger einen wissenschaftlichen Standpunkt, den sich nur wenige seiner Kollegen zutrauen. Zumal immer wieder der politisch korrekte Kurzschluß vorherrscht: demjenigen, dem es um das Verstehen Hitlers geht, würde für alle Pläne und Handlungen dieses Politikers auch vollstes Verständnis aufbringen. Schnell gerät aus dem Blickwinkel, daß die Wertvorstellungen in der Zeit von Hitlers Geburt andere waren, als sie heute von den Mächtigen anerkannt werden. Der Imperialismus war in Hitlers Ära für Europäer etwas völlig Normales. Kein Imperialist hätte bestritt damals einer zu sein. Hingegen sehen sich heutige Imperialisten genötigt, ihren Imperialismus hinter „Menschenrechten“ zu verschleiern.

Ebenso bedurfte es zur Zeit, als der kleine Adolf die Staatsrealschule in Linz besuchte, keiner Rechtfertigung, dem „deutschnationalen Milieu“ anzugehören. Dies galt für Schüler und Lehrer. „Ihr Erkennungszeichen war die Kornblume der großdeutschen Bewegung, aber auch die alten für Nation und Demokratie stehenden Farben Schwarz-Rot-Gold sowie der Heilgruß“. (ebenda, S. 21)

Der vielleicht für eine Hitler-Biographie merkwürdige Titel „Odeonsplatz“ ist deshalb gelungen, weil dieser Münchner Platz mehrmals Ausgangs- und Endpunkt für dessen Handeln gewesen war. Auf dem Titelumschlag ist die große Menge zu sehen, daneben der Kopf des jungen Hitlers vergrößert, als dort am 2. August 1914 den Münchnern die Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg verkündet wurde. Im November 1923 scheiterte am Odeonsplatz, vor der Feldherrnhalle, Hitlers Putschversuch gegen die Weimarer Republik. Als ihm im Januar 1933 in Berlin die Macht übertragen wurde, führte ihn der Erinnerungsmarsch an die sechzehn „Blutzeugen“ der NSDAP, die an der Feldherrnhalle gefallen waren, immer wieder an diesen Ort in München. Am 30. April 1945, genau zu jeder Stunde, da Hitler seinem Leben im Berliner Führerbunker ein Ende setzte, nahm die US-Armee den Odeonsplatz in München ein.

Wo das Buch „Odeonsplatz“ aufhört, nämlich 1935, in dem es laut Untertitel um den „Aufstieg eines Unbekannten“ geht, setzt „Feldherrnhalle“, die Fortsetzung der zweibändigen Hitler-Biographie ein, die sich bis ins Jahr 1945 erstreckt. Bräuninger beschreibt in dem im Kieler Regin-Verlag erschienenen Band, den „Triumph und Untergang“ Hitlers – so auch der Untertitel.

Siehe:
http://www.regin-verlag.de/shop/product_info.php?info=p595_Werner+Br%E4uninger%3A+Feldherrnhalle.html

Auch darin finden wir wieder der Hinweis an den Leser, es handele sich um einen Großessay, keinesfalls um eine historisch wissenschaftliche Arbeit. Warum dieser Verweis immer wieder erfolgt, könnte – so meine Interpretation – damit zusammenhängen, daß Bräuninger in den letzten Jahren immer wieder von Rezensenten in der „Jungen Freiheit“ gehänselt wurde, weil er kein studierter Historiker ist. Dennoch hatte ich immer die Auffassung vertreten, daß für mich ein historischer Quellenforscher wie Bräuninger ein Historiker ist, die entsprechenden Methoden kann man sich auch außerhalb der Universität aneignen, zumal ein Großteil der akademischen Zeitgeschichtler sich aus Karrieregründen in Sachen Drittes Reich strikt in den Spuren der politischen Korrektheit bewegt, somit auch keine neuen Impulse um das Verstehen des NS-Systems setzen kann. Ganz anders Bräuninger, dem es genau um dieses Verstehen Hitlers geht. Ich habe ja schon manche Hitler-Biographie gelesen, aber Bräuninger ist für mich d e r Hitler-Versteher!

Auch wenn der Autor sich grundsätzlich an den Fakten orientiert, wird sich der ein oder andere Leser an der ein oder anderen Interpretation stören. So meint Bräuninger, daß 1933 in Deutschland keine „legale Revolution“ stattgefunden habe, die „von oben verordnet“ worden sei. Nicht um eine „Revolution der Besitzenden“, sondern um eine solche der „underdogs“ habe es sich gehandelt. (ebenda, S. 11) Hierzu haben Sozrev und ich auf der SdV-Seite schon einiges geschrieben. An dieser Stelle nur ganz kurz: eine „legale Revolution von oben“ schließt sich begrifflich aus, da sich Revolutionen immer gegen die politisch und ökonomisch herrschende Klasse, gegen das System richtet. Daß Hitler seinen Weg zur Staatsmacht gerade seiner Beschwichtigungspolitik gegenüber den konservativen und industriellen Kreisen verdankte, findet bei Bräuninger überhaupt keine Erwähnung.

Siehe zu diesem Thema:
https://sachedesvolkes.wordpress.com/2010/08/12/zum-begriff-des-faschismus/

Besser wäre es, zwischen der völlig legalen „Machtergreifung“ bzw. Machtübertragung am 30. Januar 1933 und der dann mit dem Reichstragbrand einsetzenden schleichenden Deformierung der Weimarer parlamentarischen „Demokratie“ in eine faschistische Führerdiktatur zu sprechen, in der am Ende zwar die Besitzstände des „arischen“ Großkapitals unangetastet blieben, weshalb auch keine „umwälzende Revolution“ einsetzte (ebenda, S. 17), aber sehr wohl die politischen Entscheidungen nicht vom Großbürgertum (wie indirekt in der BRD heute), sondern vom Führer gefällt wurden.

Zudem wäre es sinnvoller gewesen, einmal die soziale Schichtung der NSDAP-Wähler und Mitglieder der NS-Massenorganisationen vor 1933 offen zu legen, worüber es historische Studien und Literatur mit diesbezüglichem Quellenmaterial gibt.

Siehe:
http://www.amazon.de/braune-Revolution-Sozialgeschichte-Dritten-Reiches/dp/3548265480

Die Mehrheit der Arbeiterschaft und der Arbeitslosen hatte demzufolge eben nicht NSDAP gewählt, geschweige denn dieser Partei überproportional stark als Mitglied angehört. Diese Klasse war schwerpunktmäßig auf SPD und KPD ausgerichtet. Die NSDAP als Organisation hingegen wurde weniger von der Arbeiterklasse und auch nicht vom Großbürgertum bestimmt, sondern von einem „Mittelstands-Bauch“, der sich vom nicht klassenbewußten Facharbeiter und Angestellten über den Selbständigen, Landwirt bis hin zum Kleinindustriellen erstreckte. Diese Kreise waren nicht die „underdogs“, sondern hatten aufgrund der damaligen Wirtschaftskrisen Angst, bald in die soziale Unterschicht abzurutschen.

Auch Übertreibungen wie der „allgemeine Lebensstandard wurde binnen kürzester Frist um ein Vielfaches gehoben“ (ebenda, S. 12) sind umstritten. Hierbei sollte man sich die einzelnen Berufszweige genauer ansehen, wo die Löhne stagnierten und wo sie angehoben wurden und auf welche Weise – mit Dumpinglöhnen – die Arbeitslosigkeit bekämpft wurde.

Siehe:
http://www.kommunistische-debatte.de/faschismus/nationalsozialismus2000_5.html

Auch wenn die „Wohlstandsoase“ des Dritten Reiches (ebenda, S. 31) dann doch etwas überzeichnet klingt, so hebt sich Bräuninger in seiner Kritik des außenpolitischen Konzepts Hitlers dann doch positiv von vielen unhaltbaren Darstellungen im rechten Verlagsbereich ab. Das „Ziel Lebensraum im Osten“ wird von dem Hessen klar herausgearbeitet (ebenda, S. 32) und nicht mit einer „Präventivschlagsthese“ abgetarnt. Gerade die Eroberung Osteuropas und Rußlands war doch die Verheißung der kommenden „Wohlstandsoase“ für die in beengten Verhältnissen lebenden deutschen Arbeiter und Kleinbauern. In Rußland hätten sich viele deutsche Volksgenossen auf der Karriereleiter weiter hocharbeiten können – wie beispielsweise viele besitzlose Deutsche, die zwei Jahrhunderte zuvor nach Ungarn, Rußland, Südafrika und Amerika auswanderten, um für sich und ihre Nachkommen eine bessere ökonomische Existenz zu schaffen.

Mein Großvater, ein Odenwälder Bauer, war allerdings so zufrieden mit seiner wirtschaftlichen Existenz, so daß er nach 1945 zu seinem Sohn, meinem Vater, sagte, die Niederlage Hitlers habe immerhin den Vorteil, daß „wir“ (Schwabs) jetzt nicht in Rußland, sondern nach wie vor im Odenwald ansässig sind.

Siehe:
http://neudorf-amorbach.de/

So hatte der katholische Bauer Leo Schwab am Ende mehr den Sinnzusammenhang von „Blut und Boden“ erfaßt als der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Auch wenn der Konrad Adenauer- und Franz-Josef Strauß-Anhänger offensichtlich übersah, welchen Souveränitätsverlust die Niederlage der Wehrmacht den Deutschen einbrachte.

Trotz mancher Abstriche ist Bräuningers zweibändige Hitler-Biographie ein Lesegewinn. Erwähnenswert ist zudem, daß der Autor im Schlußkapitel von „Feldherrnhalle“ brilliant herausarbeitet, wie Hitlers Ideen und Realpolitik nach 1945 zunehmend dem Verstehen entzogen wurden und jeder nationale Politikansatz in Deutschland braun angemalt und diskreditiert wurde und wird. So liefert Bräuninger noch eine Kurzgeschichte der nationalen Rechten wie auch interessante Einblicke in seine eigene Biographie als Person, Autor und Historiker.

Werner Bräuninger: Odeonsplatz. Der Aufstieg eines Unbekannten. Universitas Verlag, München und Wien 2011, 272 Seiten, 22 Euro.
Werner Bräuninger: Feldherrnhalle. Triumph und Untergang, 1935-1945. Regin-Verlag, Kiel 2012, 430 Seiten, 24,95 Euro.

Jürgen Schwab

Bücher von Jürgen Schwab:
Die Manipulation des Völkerrechts. Wie die „Westliche Wertegemeinschaft” mit Völkermordvorwürfen Imperialismus betreibt. Kyffhäuser Verlag, Mengerskirchen 2011, 14,95 Euro.
Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 19,80 Euro.
Die „Westliche Wertegemeinschaft”, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 19,50 Euro.
Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro

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Kommentare

  • sozrev  On 28. Januar 2013 at 16:07

    „Imperialismus war in Hitlers Ära für Europäer etwas völlig Normales. Kein Imperialist hätte bestritt damals einer zu sein. Hingegen sehen sich heutige Imperialisten genötigt, ihren Imperialismus hinter „Menschenrechten“ zu verschleiern.“

    Man könnte auch auf die Idee kommen das der „Vater“ des Menschenrechtsimperialismus ein ehemaliger Reichskanzler war. Die Losung „Menschenrecht bricht Staatsrecht“ stammt von niemanden anderen als von Adolf Hitler.

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