National ist revolutionär!

Was Rudi Dutschkes Thesen zur „Nationalen Frage“ für die Linken bedeuten.

Henning Eichberg, aus „dasda avanti“, November 1978

Die Geschichte bewegt sich.

Die nationale Frage hat sich seit einigen Jahren verändert. Die konservative Partei zog sich nun auch offiziell von der gesamtdeutschen Perspektive auf die „Verteidigung dieses unseres Staates“ zurück. Die westdeutsche sozialdemokratische Linke brüstet sich heute ebenso separatistisch: „Wir arbeiten weiter am Modell Deutschland. Deutschland gleich BRD. Nun spielt Rudi Dutschke nicht mehr mit. Er kennzeichnet aphoristisch den neuen Stand der Dinge. „Ein Großteil der heutigen Linken ist an einer zentralen Frage blind geworden“, an der deutschen Frage. „Amerikanisierung und Russifizierung sind vorangeschritten. Sie sind die Verwirklichung des Imperialismus in Deutschland, hier kapitalistisch, dort asiatisch.

Die Spaltung Deutschlands ist die Spaltung des deutschen Proletariats und seiner gemeinsamen Klassenkampferfahrung. Die „Entspannung“ entlarvt sich als ein Arrangement der Herrschenden zur gegenseitigen Absicherung ihrer Domänen, zur Niederhaltung der Völker dies-und jenseits.
Aber: „Die Verhältnisse sind nicht mehr berechenbar“. Die Krise der Herrschenden muss nicht, darf nicht, (kann aber) zur Krise der radikalen Opposition werden.“

Das ist eine Provokation.Die deutsche Frage ist heute revolutionär. Wir leben seit dreißig Jahren in einem besetzten Land. Die Hauptstadt steht offiziell unter Besatzungsrecht. Multinationale Konzerne (mit ihren Headquarters in Amerika) und eine von der Sowjetmetropole am kurzen Zügel gehaltene Bürokratie haben das Sagen.

Kulturelle Entfremdung prägt das Alltagsleben. Und wirksamer als die Panzer und „Sicherheitskräfte“ diesseits und jenseits der Grenze ist die innere Kolonialisierung, die Unterwerfung des Bewusstseins, die „Normalisierung“. Der Verzicht auf Selbstbestimmung wird zur „Treue zum Bündnis“ stilisiert und zum Kriterium gesellschaftlicher Zuverlässigkeit erklärt. Von Befreiung zu sprechen, ist „Kriegshetze“. Sozialismus des eigenen nationalen Wegs ist „Subversion“. Hier wie dort.

Die deutsche Linke hat sich mit der nationalen Frage lange schwergetan. Ferdinand Lassalle, Karl Renner, Karl Radek, Ernst Niekisch und Kurt Schumacher hatten Einsichten. Aber aufs Ganze gesehen blieb das am Rande, anders als Moses Heß und Ber Borochow, die Wegbereiter des sozialistischen Zionismus, oder gar als James Connolly, der irische Gewerkschaftsführer, den die britischen Okkupanten wegen seiner Teilnahme am nationalen Revolutionsversuch von 1916 erschossen.

Dann hing uns der Klotz des deutschen Faschismus am Bein. Nach 1945 musste daher sogar die Fremdherrschaft als „Befreiung“ gefeiert werden, obwohl sie das nie war. Selbstbestimmung und Sozialismus der Deutschen standen nie zur Diskussion. In Teheran, Jalta und Potsdam diktierten andere. Deutscher „Demokrat“ war von da ab, wer das Diktat begeistert auf sich nahm.
Um 1967 begann eine neue Generation diese Lage zu durchschauen. „Die marxistische Linke muss Ansätze des Nationalismus weitertreiben, gerade auf den neuralgischen Punkt, dass Deutschland geteilt wurde durch den Bundesgenossen USA“, schrieb Bernd Rabehl damals. Aber sobald die Neue Linke in die tatsächliche Auseinandersetzung ging (auf der Straße und in den Medien), ließ man das Thema fallen. Die Problemblindheit, die Rudi Dutschke jetzt beklagt, datiert seit jenen Tagen. Eine Chance wurde verpasst: die nationalrevolutionäre Chance.
Stattdessen suchte die Studentenbewegung eine Ersatzidentität in der „dritten Welt“. Man forderte „nationale Selbstbestimmung für Vietnam“, aber nicht für Deutschland. Den Nationalismus des palästinensischen Volkes und den Kampf der Lateinamerikaner gegen den US-Imperialismus unterstützte man, auch das Ringen der Afroamerikaner um Black Power und neue schwarze Identität. Nur für das gespaltene und besetzte Deutschland wurde keine Konsequenz gezogen.

Hat das Scheitern der Neuen Linken von 1968 etwas damit zu tun, dass sie damals „ihr“ Thema verfehlt hat?

Systemopposition macht man heute nicht mit gewerkschaftlichen Problemen der Arbeitszeitverkürzung, sondern mit unseren Existenzfragen. Die nationale Frage lässt sich nicht nur beiläufig oder taktisch stellen, weil sie theoretische Anstrengungen erfordert. Alles Gespräch über die Mauer, die Spaltung des deutschen Volkes, die Besetzung der beiden deutschen Teilstaaten durch die Truppen der USA und der Sowjetunion bleibt tagespolitische Handwerkelei (oder Opportunismus), solange nicht die nationale Frage als eine zentrale Theoriefrage anerkannt ist.

Das wäre kein großes Problem, wenn – wie Rudi Dutschke verschiedentlich anklingen ließ – die „nationale Besonderheit für Marx, Engels, Lenin eine fundamentale Selbstverständlichkeit“ gewesen wäre. Dann hätte die Linke nämlich eine Theorie der Nation. Das ist aber nicht der Fall.

Für Marx war zwar die Nation eine akzeptierte und praktizierte Erfahrung (und übrigens auch das nationale Vorurteil, seine Vorurteile nämlich gegen Juden, Russen, Südslawen). Aber die nationale Frage als solche war ihm – im Gegensatz etwa zu Ferdinand Lassalle und Moses Heß – eben nicht theoriewürdig. Die Arbeiter hatten für ihn kein Vaterland. Die Nation sah er – noch vor dem Ende des Kapitalismus – im Absterben begriffen. Als nach seinem Tod der alte Engels weiterreichende Erfahrungen und Einsichten hatte, war es für eine theoretische Verarbeitung zu spät.

Erst für Lenin und Stalin stellte sich die Nationalisierung der Völker – der europäischen und nun auch der kolonialen – als theoretisches Problem eigener Art. Und zwar nicht als Relikt aus der Vergangenheit, sondern als die Aktualität der Nationwerdung. Sie rückten ihm durch eine grundlegende Revision der Marxschen Grundannahmen zu Leibe. Die nationale Frage wurde zu einem Kernproblem theoretischer Auseinandersetzung (mit Rosa Luxemburg und den Austromarxisten).

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde aus seinem – angeblichen – Zusammenhang mit ökonomischen Entwicklungstendenzen gelöst und zum Grundprinzip eigener Art erklärt (wogegen sich Rosa Luxemburg als strenge Marxistin empört wandte). An die Stelle des Marxschen proletarischen Internationalismus trat die „sozialistische Nation“ – in der Theorie, denn die Praxis sah bekanntlich anders aus, großmachtimperialistisch. Aber auch Lenins Revision war noch nicht fundamental genug, um unseren heutigen Erfahrungen zu genügen. Der Inhalt der nationalen Frage blieb für die Marxisten das nationale Interesse. Das aber geht am Kern der Sache vorbei. Der Kern der nationalen Frage ist die nationale Identität.

Nationales Interesse – das heißt: Infrastruktur aufbauen, sich industrialisieren, zur Verteidigung rüsten, sich Land und Rohstoffe aneignen, kurz: Haben-wollen.
Nationale Identität ist etwas ganz anderes: sich kollektiv seiner selbst vergewissern, bei sich selbst zuhause sein.

Das ist es, was die Studentenbewegung (neu) entdeckt hat: Wir wollen nicht mehr haben, sondern sein. Anders leben, uns unserer selbst vergewissern gegen die Entfremdung, bei uns selbst zuhause sein, identisch sein – das war und ist die revolutionäre Alternative gegen die Gesellschaft des Hastewas – Bistewas.

Die Identitätsfrage führt notwendig zur nationalen Identität, zur nationalen Frage. Gerade darum ist sie revolutionär. Bei der nationalen Frage geht es also nicht primär um Interesse, sondern um die nationale Identität. Sind wir Deutsche oder „BRD-Bürger“ amerikanisierter Sprache und mit ITT-Bewusstsein? Identität oder Entfremdung, das ist der neue Hauptwiderspruch, Imperialismus oder unser Volk.

Ist die marxistische Theorie – eine Theorie der Interessen – in der Lage, dazu etwas auszusagen?
Die nationale Frage ist kein Anachronismus. 1848 war sie für Marx im „Kommunistischen Manifest“ überholt, aber die Völker -Polen, Italiener, Tschechen begannen erst, sich zu erheben. 1868 wurde sie von der österreichischen Sozialdemokratie für tot erklärt; aber wenige Jahrzehnte später war diese selbst in ihre nationalen Bestandteile – polnische, tschechische, deutsche – zerfallen (noch vor dem Zusammenbruch des Habsburgerreichs).

Seit den ausgehenden sechziger Jahren ist die nationale Frage in ganz Europa (und nicht nur dort) abermals in ein neues Stadium getreten. Seitdem kämpft man in Nordirland gegen die englische Besatzung und im Baskenland gegen die spanisch-kastilische. Seitdem wird der Anspruch der Pariser Metropole infragegestellt – in der Bretagne und in Okzitanien, in Korsika und im Elsass, und zwar von einer jungen sozialistischen Generation. Aus dem Vielvölkerstaat Großbritannien lösen sich – diesmal ganz legal und mit dem Stimmzettel – die Völker von Wales und Schottland. Die Labour Party in Schottland spaltete sich in eine englische und eine schottisch-nationale.

Wir erlebten die Versuche eines nationalen Weges zum Sozialismus in Prag 1968. 1971 wurde die kroatische kommunistische Partei als nationalistisch „entlarvt“, fast ihre gesamte Führung gesäubert, kroatische kommunistische Zeitschriften und die kroatische Kulturorganisation verboten. Aufstände in Georgien und der Ukraine ließen auch dort eine neue Generation des sozialistischen Aktivismus auf nationaler Grundlage sichtbar werden. In den USA fordern die Indianer ihr Land zurück; sie wollen nicht wie einst Martin Luther King „Bürgerrechte“, sondern das Recht auf indianische Identität und darum Red Power, eigene Staaten für die indianischen Stammesnationen.

Nationalismus ist also nicht alt, sondern neu. Er kommt auf uns zu in dem Maße, in dem in den Metropolen die Entfremdung um sich greift. Er ist Teil eines Prozesses, in dem die Völker sich selbst zum Subjekt der Geschichte machen -gegen Dynastien, Konzerne und Bürokraten.
Die neue Aktualität der nationalen Frage erfordert also eine neue Bewegung der Gehirne. Sie erfordert aber vor allem eine neue Praxis hier und heute, im besetzten Deutschland beiderseits.
Rudi Dutschke hat etwas Systemoppositionelles getan, als er seine Aphorismen wagte. Er hat die nationalrevolutionäre Chance der deutschen Linken bezeichnet. Denn es scheint, wir stehen in einem neuen Vormärz. Sozialliberale Ruhe- und Ordnungskonzepte bekennen sich offen zur Nachahmung Metternichs.

Oberhalb des Teilstaats reproduziert sich die Reaktion im internationalen Arrangement: Ostpolitik, Sibiriengeschäft und Leipziger Messe, Sicherheitskonferenz und Manöverbeobachter, Wiener Kongress und Heilige Allianz. Gemeinsam: Ausschaltung der „Radikalen“ und mit ihnen die Völker aus der Geschichte zugunsten der Kabinettspolitik. Westeuropäische Ingenieure für Togliattigrad, italienische Arbeitsemigranten für die Tschechoslowakei, ukrainische und lettische Arbeitskraft für westdeutschen Profit. Wodka-Cola. Aber Verhältnisse sind nicht mehr berechenbar. Es sind schon andere Rechnungen nicht aufgegangen.

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Trackbacks

  • Von Oskorei » Blog Archive » Bernd Rabehl am 28. Juli 2013 um 12:49

    […] Deconstruct.net – American Democratic Dictatorship is Merely Another Form of Fascism (intervju med Rabehl) Anschläge – Ein Netzjournal von Bernd Rabehl Die Linke und die „nationale Frage“ in Europa Lästips: Henning Eichberg Djävulens advokat Sache des Volkes – National ist Revolutionär […]

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