Albert Leo Schlageter – Nachruf und Perspektive

Verfasser: Richard Schapke, September 2003, auf der Seite die-kommenden.

Vor einigen Monaten jährte sich der Tag der Hinrichtung des deutschen Freikorpskämpfers Albert Leo Schlageter zum 80. Male. Wir nehmen den Jahrestag zum Anlass, um uns – zugegebenermaßen verspätet – mit dem Leben des weitestgehend in Vergessenheit geratenen Nationalhelden und dem hochinteressanten Nachhall seiner Exekution zu befassen.

Albert Leo Schlageter wurde am 12. August 1894 als siebtes Kind einer Bauernfamilie in Schönau im Schwarzwald geboren. Seiner ländlichen Heimat sollte er für immer eng verbunden bleiben. Im Jahre 1909 schickte die streng katholische Familie den Sohn als Zögling des erzbischöflichen Generalvikariats nach Freiburg im Breisgau. Dort sollte er sich auf einem katholischen Gymnasium auf den Beruf eines Geistlichen vorbereiten.

Der beschaulichen Jugend und der Oberprima setzte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 ein jähes Ende. Die Freiburger Studenten und Oberschüler meldeten sich beinahe vollständig freiwillig zu den Waffen. Albert Leo Schlageter legte sein Notabitur ab und trat als Kriegsfreiwilliger in das Feldartillerieregiment 76 ein. Nach absolvierter Ausbildung wurde er am 7. März 1915 zu seinem Regiment an die Westfront entsandt, wo er in den folgenden Jahren alle Frontabschnitte zwischen den Vogesen und Flandern kennen lernen sollte. Der erste Fronteinsatz erfolgte auf dem berüchtigten flandrischen Kriegsschauplatz, danach kämpfte er an der Somme und bei Verdun. 1917 übernahm Schlageter nach der Beförderung zum Leutnant eine Batterie, um sich am hart umkämpften Kemmelberg in Flandern durch verwegenen Einsatz auszuzeichnen. Der junge Leutnant erwies sich als geborener Frontoffizier, der es verstand, seine Männer durch vorbildliche Haltung und Fürsorge für sich einzunehmen. Für seine soldatischen Leistungen wurde er mit dem Eisernen Kreuz Erster und Zweiter Klasse ausgezeichnet.

Nach dem Waffenstillstand vom November 1918 kehrte die Batterie in das revolutionäre Deutschland zurück. Im Gegensatz zu zahlreichen Truppenteilen verweigerte die Batterie die Bildung eines Soldatenrates und ihre Entwaffnung, was nicht zuletzt auf die überragende Persönlichkeit ihres Leutnants zurückzuführen war. Im Rahmen der Demobilisierung wurde Schlageter am 11. Dezember 1918 aus dem Heeresdienst entlassen.

Zunächst versuchte der Heimkehrer, wieder im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen. Er immatrikulierte sich an der volkswirtschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg und trat einer katholischen Studentenverbindung bei. Nach nur kurzem Studium rief ihn das Pflichtgefühl: Schlageter meldete sich als Batteriechef zum badischen Freikorps Medem, um in dessen Reihen an den verworrenen Kämpfen gegen die Bolschewisten im Baltikum teilzunehmen: „Wenn die Politiker in einer Zeit wie der unseren, in der unsere Feinde an allen Grenzen stehen, um unser Land an sich zu reißen, nichts wichtigeres zu tun haben, als zu reden und Sitzungsprotokolle anzuhäufen, dann sind wir der Staat, weil nur in uns noch der Glaube an Volk und Vaterland lebendig ist. Ihr werdet erleben, wie sie unser Land verschachern, um ihre eigene erbärmliche Macht zu sichern.“ Ende des Jahres kehrten die vom Freikorps Roßbach herausgehauenen Überlebenden ins Reich zurück. Schlageter hielt seine Batterie für neue Einsätze zusammen. Die mangelnde Unterstützung der Reichsregierung für die Baltikumfreiwilligen und ihre zeitweilige Ausnutzung im Interesse der antibolschewistischen Interventionspolitik Englands desillusionierten ihn weiter: „Wir verachten das Bürgertum und retten es doch mit unserem Blut. Wir sind angetreten, um die Freiheit der Nation zu sichern, und schützen eine Regierung, die das Volk und die Nation verraten hat…Wir sind gegen Englands schmutzige Politik, und doch waren wir seine besten Soldaten.“

Im März 1920 war die Batterie Schlageter im Rahmen der Marinebrigade Löwenfeld an der Niederschlagung des linken Märzaufstandes an der Ruhr beteiligt. Als die Marinebrigade im Sommer im Sennelager aufgelöst wurde, brachte er seine Männer als Landarbeiter in Pommern und Ostpreußen unter. Waffen und Ausrüstung wurden nicht abgegeben, sondern – wie bei Freikorpseinheiten damals üblich – halblegal eingelagert. Schlageter selbst arbeitete wie seine Männer auf ostpreußischen Landgütern.

Schon im Januar 1921 erfolgte anlässlich des polnischen Aufstandes in Oberschlesien der nächste Einsatz. Die Batterie kämpfte im Rahmen des Sturmbataillons Heinz gegen die polnischen Insurgenten. Heinz Oskar Hauenstein organisierte auch den illegalen bewaffneten Widerstand im Untergrund, wobei Schlageter ihm tatkräftig assistierte. Der Leutnant nahm an Terrorakten gegen Verräter teil und betätigte sich in der nachrichtendienstlichen Feindaufklärung. Beispielsweise befreite er im Februar 1921 zusammen mit einem Kommando Gefangene aus der von den Franzosen besetzten Festung Kosel, die für die Deportation auf die Teufelsinsel in Französisch-Guayana vorgesehen waren. Mit Feuerunterstützung der Batterie Schlageter gelang im Mai 1921 dem Freikorps Oberland der Sturm auf den von polnischen Truppen besetzten Annaberg. Unter alliiertem Druck fiel die Reichsregierung den Freikorpskämpfern erneut in den Rücken und ordnete die Auflösung der Verbände an. Mittlerweile in nachrichtendienstlichen Angelegenheiten erfahren, ging Schlageter nach Danzig, um dort Spionage gegen Polen zu betreiben.

Der wiederholte Verrat durch die Reichsregierung, die chaotischen Zustände im Reich und der erniedrigende Friedensvertrag von Versailles trieben Albert Leo Schlageter zur grundsätzlichen Ablehnung der neuen Ordnung. Als im Oktober 1922 Roßbach und Hauenstein die Nationalsoziale Vereinigung als norddeutsche Vorfeldorganisation der NSDAP gründeten, war auch Schlageter mit dabei. Die Organisation war korporativ der NSDAP angegliedert, demzufolge können ihre Angehörigen als eine Art Parteigenossen angesehen werden. Bereits nach wenigen Wochen wurde die NSV verboten und reorganisierte sich als Großdeutsche Arbeiterpartei in Berlin. Der Reichskommissar für die Überwachung der öffentlichen Ordnung betrachtete die NS-Aktivitäten in Norddeutschland mit äußerster Beunruhigung. Kein Wunder, denn Roßbach erklärte unumwunden, man werde Deutschland mit Gummiknüppel und Bajonett den Weg in eine bessere Zukunft bahnen. Im Januar 1923 erfolgte ein erneutes Verbot. Unter dem Namen Großdeutsche Arbeiterbewegung verhandelte man nun um den Anschluss an die Deutschvölkische Freiheitspartei. Hauenstein und Schlageter lagen eher auf der nationalsozialistischen Linie und opponierten gegen den völkischen Kurs. Letzterer nahm auch im Januar am I. Reichsparteitag der NSDAP in München teil.

Als linientreuen Nationalsozialisten sollte man Schlageter jedoch keinesfalls betrachten. Ungeachtet eines entsprechenden Verbotes durch Hitler, der sich bevorzugt seinen antisemitischen Wahnvorstellungen widmete, nahm er ab Ende Februar 1923 am Ruhrkampf gegen die französische Besatzungsmacht teil. Hier kämpften Freikorpsleute und Kommunisten unter Heinz Neumann gemeinsam gegen die Besatzer und gegen deutsche Kollaborateure. Schlageter organisierte und leitete einen Stoßtrupp für Sabotageakte gegen die Besatzungstruppen. Das Hauptquartier befand sich in Elberfeld, und wieder leitete Hauenstein die Untergrundaktivitäten. In der Organisation befanden sich eine Reihe künftiger NS-Spitzenfunktionäre wie beispielsweise Viktor Lutze (nach dem Massaker von 1934 Stabschef der SA), Erich Koch (Gauleiter Ostpreußens, 1941-1944 Reichskommissar in der Ukraine) oder Karl Kaufmann (1933 Reichsstatthalter in Hamburg).

Nach erfolgreichen Sprengstoffanschlägen am Essener Bahnhof Hügel und auf die Eisenbahnbrücke bei Calcum kamen die Franzosen Schlageter auf die Spur, am 5. April wurde sein Steckbrief in Kaiserswerth erstmalig veröffentlicht. Ein französischer Spitzel innerhalb der Organisation Heinz verriet das Untergrundkommando, und schon am 7. April verhafteten die Besatzer Schlageter in Essen. Zunächst wurde er in den Räumen des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats, der französischen Folterzentrale, inhaftiert, dann beim Amtsgericht Werden und im Gefängnis Düsseldorf-Derendorf. Sehr bald wurden auch die meisten von Schlageters Kameraden verraten und verhaftet.

Die Franzosen machten kurzen Prozess: Bereits am 8. Mai verurteilte ein Militärgericht Albert Leo Schlageter zum Tode. Das Verfahren war eine wahre Prozessfarce mit teilweise unter Folter erzwungenen Geständnissen (der Hauptangeklagte blieb standhaft und redete nicht). Beispielsweise wurde die Anklageschrift erst am 6. Mai überreicht und musste mühsam ins Deutsche übersetzt werden. Die Verteidiger erhielten erst am 7. Mai Akteneinsicht. Neben dem Todesurteil gegen Schlageter wurden folgende Verdikte gefällt: Sadowski lebenslang, Werner 20 Jahre Zwangsarbeit, Becker 15 Jahre, Zimmermann 10 Jahre, Kulmann 7 Jahre und Bisping 5 Jahre. Die Revisionsanträge der Verteidigung wurden zurückgewiesen. Schlageter weigerte sich, ein Gnadengesuch einzureichen: „Ich bin nicht gewohnt, um Gnade zu betteln.“ Vergebens wurde darauf hingewiesen, dass der Todeskandidat keinesfalls ein pathologischer Franzosenfresser war, sondern in Oberschlesien mehrfach französische Soldaten vor dem sicheren Tode rettete.

Ein Sturm der Entrüstung erhob sich in Deutschland und den neutralen Ländern, selbst die Reichsregierung protestierte formal in Paris. Hauenstein hatte die Befreiung bereits vorbereitet, als er auf Anordnung des preußischen Innenministers Severing (SPD) verhaftet wurde. Hauenstein hierzu: „Wenn ich bis zu diesem Zeitpunkt die in Deutschland herrschenden Regierungsgewalten abgelehnt habe, seit diesen Stunden habe ich die Gewissheit, dass eine Abrechnung mit den Verantwortlichen des Systems kommen muss. Und wir werden unsere Rechnung präsentieren, das sind wir unseren Kameraden und Schlageter schuldig!“ Später fügte er hinzu: „Wir sind meist allein gestanden, nur auf uns selbst und einige Gleichgesinnte gestellt. Wir haben uns gegen unseren eigenen Staat zur Wehr setzen müssen. Das ist unser Schicksal. Unser Weg ist noch nicht beendet. Ohne nach rechts und nach links zu schauen, geht er unbeirrbar geradeaus. Die Befreiung unseres Volkes vom äußeren und vom inneren Feind, das ist das ferne Ziel, das uns vorschwebt, und das wir durch Taten erreichen wollen, ohne Rücksicht, ob andere uns folgen oder nicht. Ruht euch nicht aus und bewundert Vergangenes, sondern reißt euch und andere vorwärts zu neuen Taten!“

Am 26. Mai 1923 wurde Albert Leo Schlageter auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf hingerichtet. Noch kurz vor der Exekution notierte er: „Sei was du willst; aber was du bist, habe den Mut, ganz zu sein.“ Im Gegensatz zu den ehrlosen Militärrichtern und den vernehmenden Offizieren erwies der Kommandeur des französischen Exekutionskommandos dem Toten mit gesenktem Degen die soldatischen Ehren. Der Leichenzug nach Schönau geriet zur nationalistischen Protestkundgebung gegen die Ruhrbesetzung und den rheinischen Separatismus. Trotz des Hitler-Verbotes, am Ruhrkampf teilzunehmen, fand am 10. Juni 1923 auf Initiative der NSDAP in München eine Gedächtnisfeier statt – Beginn eines verlogenen Schlageter-Kultes, der an den Umgang mit Horst Wessel erinnert. An der Gedenkfeier zum 10. Jahrestag der Hinrichtung am 26. Mai 1933 nahm der Opportunist Hitler aus außenpolitischen Gründen nicht teil – ebenso, wie er seinerzeit auch Horst Wessel verriet, indem er dessen Beisetzung fernblieb. Auch die Deutschnationalen versuchten, den Märtyrer des Ruhrkampfes für sich zu vereinnahmen.

Heinz Oskar Hauenstein baute Mitte der 20er Jahre die Berliner SA auf, ehe er nach parteiinternen Intrigen eine Unabhängige Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gründete. In Elberfeld etablierte sich ab 1924 eine nationalsozialistische Gruppe um Karl Kaufmann, Franz Pfeffer von Salomon und Joseph Goebbels, aus der später der Ruhrgau hervorgehen sollte. Der Verräter Walter Kadow wurde im Frühjahr 1924 von Martin Bormann und Rudolf Höß ermordet. Dennoch versuchten die Nationalsozialisten nur wenige Jahre später, ausgerechnet Hauenstein mit der Lüge mundtot zu machen, er selbst habe Schlageter verraten.

Auf der Golzheimer Heide wurde am 23. Mai 1931 das von Professor Clemens Holzmeister entworfene Schlageter-Ehrenmal eingeweiht. Der Sarkophag trug die Worte des Arbeiterdichters Heinrich Lersch: „Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen.“ Weiter befanden sich 141 Gedenksteine für die Opfer des Ruhrkampfes bei der Gruft, die von einem 27 Meter hohen Stahlkreuz überragt wurde. Obwohl die Gesamtanlage nur 10.000 Personen Platz bot, strömten 50.000 Menschen zu den Feierlichkeiten herbei. Das Denkmal wurde 1946 auf Beschluss der Düsseldorfer Stadtverordnetenversammlung abgerissen.

Die Hinrichtung Albert Leo Schlageters hatte ein sensationelles Nachspiel: Am 21. Juni 1923 würdigte Karl Radek vor dem III. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale den Kampf Schlageters gegen die französische Besatzungsherrschaft und löste damit eine scharfe Kontroverse innerhalb der KPD über das Verhältnis zur nationalrevolutionären Rechten aus. Zudem kam es zu einer längeren öffentlichen Debatte mit dem jungkonservativen Theoretiker Arthur Moeller van den Bruck und dem völkischen Politiker Ernst Graf Reventlow. Radek formulierte sehr treffend, wenn das deutsche Großkapital seinen Einfluss auf die radikalisierte nationale Rechte verliere, werde es nicht mehr imstande sein, das deutsche Volk auszubeuten. Der Kapitalismus sei sowohl für die Proletarisierung des Kleinbürgertums als auch für die nationale Notlage Deutschlands verantwortlich. Man müsse den Faschisten die Augen über den Missbrauch ihrer berechtigten Gefühle durch das Kapital öffnen. Umgekehrt sei es die Pflicht des Proletariats, den nationalen Befreiungskampf gegen Verelendung und Versailler Diktat zu unterstützen. Die KPD müsse sich wenn nötig gegen den Faschismus wehren, aber sie müsse auch in Erfahrung bringen, ob es nicht Dinge gibt, die sie mit den proletarisierten Faschisten verbinden würden. Voraussetzung sei jedoch, dass die Faschisten die Befreiung des deutschen Volkes als Teil der sozialistischen Weltrevolution verstehen und nicht etwa als Restauration des deutschen Monarchismus und Imperialismus.

Ganz überraschend war die Schlageter-Rede Radeks jedoch nicht. Bereits Mitte Januar 1923 konstatierte „Die Internationale“ anlässlich des Einmarsches der französischen Imperialisten ins Ruhrgebiet, eine nationale Welle gehe durch das deutsche Volk – und diese gelte es, auszunutzen. Zwei Monate später entschied die KPD-Führung, die Kommunisten sollten sich an die Spitze des Kampfes des unterdrückten und kolonialisierten Deutschland gegen das Ententekapital stellen – ein früher Vorbote des nationalkommunistischen Kurses von 1930. Derartige Einheitsfrontkurse zwischen Kommunisten und Nationalisten sollte es beinahe zeitgleich auch in Irland und China geben, es handelte sich hier also nicht um eine isolierte Episode. In Deutschland scheiterte das Einheitsfrontprogramm zum einen am hysterischen Antikommunismus der Rechten und zum anderen am massiven Widerstand der KPD-Linken. Als schließlich im Spätsommer 1923 die wirtschaftliche und innenpolitische Lage auf eine vollständige Eskalation zuzusteuern schien, warf die Komintern das Steuer herum und setzte auf einen Revolutionskurs, der im Oktober zu schweren Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Reichswehr in Mitteldeutschland und Hamburg führte.

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