Besprechungen (39)

Wer Philosoph der Nazis sein möchte, muß sich zum Anti-Philosophen erklären. Schließlich ist keine Ideologie („Weltanschauung“) so geistfeindlich wie der Nazismus, vor allem der Neonazismus. Keine andere Strategie verfolgt Angelika Willig, indem sie in „N.S. Heute“ (Nr. 13, Januar/Februar 2019, S. 37-39) erklärt, daß jegliche (Geschichts-) Philosophie – vor allem für Nazis – überflüssig sei. Richtschnur für Nazis könnten nur wirkliches Wissen, meß- und zählbare Erfahrungen bzw. naturwissenschaftliche Erkenntnisse sein.

Siehe hierzu:

https://www.nsheute.com

Im Grund genommen hat sich Angelika Willig somit selbst überflüssig gemacht. Denn immerhin ist sie ja promovierte Philosophin. Aber möglicherweise besteht ihre Existenzberechtigung in der „Bewegung“ darin, geistig überforderten Neonazis zu erklären, daß man sich mit Philosphie gar nicht befassen muß. Wer könnte dafür geeigneter sein als eine Philosphin wie Willig? Schließlich muß sie es ja auch selbst wissen. Für alle Nicht-Wissenden im Neonazi-Bereich dürfte dies wie eine Entlastung wirken, indem eine philosophisch Gebildete und somit Wissende um die Philosophie ihnen diese schwere Bürde abnimmt.

Aber vielleicht schwebt der Berlinerin ja eine neue Lebensphilosophie, ein Mittelding zwischen Nietzsche und Hitler vor. Das wäre dann wirklich der „neue“ Willigsche Ansatz. Schließlich war Herbert Schweiger („Evolution und Wissen“) schon vor Willig da,

Das eigentliche Thema, um das sich Willigs Artikel dreht, ist das Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg. Allerdings erfährt man in dem Artikel wenig, um was es in dem Buch eigentlich geht, auch wird auf das Anliegen, um das es Rosenberg gegangen war, nicht eingegangen (ein eigenes, nicht an dieser Stelle auszuführendes Thema: was soll in Europa an die Stelle des Christentums treten; viele Europäer haben ein Bedürfnis nach Metaphysischem). Stattdessen behauptet Willig, daß sich der Hitlersche „NS“ vom „NS“ Rosenbergs an der Dichotomie „Glaube“ und „Wissen“ deutlich unterscheiden ließen (ebenda, S. 38). Den Beweis bleibt sie allerdings schuldig. Sie muß selbst – anhand eines Zitats von Rosenberg – einräumen, daß Hitler nicht nur einmal von der „Vorsehung“ gesprochen hat (ebenda, S. 38).

Willig attestiert Rosenberg zurecht, daß dieser in „schwammiger“ Weise nicht zwischen den „beide(n) Welten, dem „Glauben“ und dem „Wissen“, unterschieden habe (ebenda, S. 38). Allerdings beruht Willigs Behauptung, dies sei bei Hitler völlig anders gewesen, auf keinen empirisch gesicherten Tatsachen. Völlig daneben gerät ihre Behauptung, daß der Hitlersche „NS“ nicht deterministisch ausgerichtet gewesen sei. Als Negativbeispiel für Determinismus bzw. linearer Geschichtsphilosophie erwähnt Willig zurecht den Marxismus (ebenda, S. 38-39).

Allerdings hatte sich Hitler beispielsweise 1934 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg in mehreren Redeabschnitten bezüglich der Zukunftsaussichten seines „NS“ eindeutig deterministisch geäußert.

Siehe hierzu:

Man beachte folgende Sequenz, in Minute 49: „Vor uns liegt Deutschland, in uns marschiert Deutschland und hinter uns kommt Deutschland.“ – Was unmißverständlich heißen soll, daß dem „NS“-Deutschland die Zukunft gehöre; anders ausgedrückt: der „NS“ liegt vorne in der Zukunft; die Hitlerjugend, vor der Hitler spricht, die „hinter uns kommt“, gehöre die Zukunft. Auch Hitlers in dieser Sequenz geäußerte Behauptung, die Hitlerjugend, zu der er spricht, sei „Fleisch“ vom „Fleisch“ der Führer der NSDAP, weshalb es vorausbestimmt sei, daß die Hitlerjugend einst das Erbe der Nazi-Altvorderen fortsetze, ist eindeutig Determinismus und durch den vielfachen Opportunismus einstiger HJ-Führer nach 1945 widerlegt. – Oder nehmen wir die Sequenz, in Minute 1:39: „Wir können glücklich sein zu wissen, daß diese Zukunft restlos uns gehört.“ – Wobei gerade in diesem Satz deutlich wird, daß Hitler glaubte, die Zukunft vorauszuwissen. Deterministischer geht’s nicht mehr. – In der Sequenz, in Minute 1:37, sagt Hitler, daß die „Partei (…) für alle Zukunft die politische Führungsauslese des deutschen Volkes“ und die „NS“-“Lehre unveränderlich“ sein werde. Hitler postuliert hierbei eben genau das „geschlossene Denkgebäude“, das ihm Willig (ebenda, S. 39) in Abrede stellt, während ein solches nur Rosenberg im Schilde geführt habe. – In der Sequenz, in Minute 59 verdeutlicht Hitler den metaphysischen Überbau, daß „kein irdischer Vorgesetzter“ „uns den Befehl gegeben“ habe, „sondern der Gott, der unser Volk geschaffen hat“.

Nun könnte man das alles abwiegeln, Hitler sei es 1934 in Nürnberg wie bei ähnlichen öffentlichen Anlässen um Zweckpropaganda, sozusagen als „Motivationstrainer“ des eigenen Anhangs gegangen. Am Ende hätte Hitler an der Zukunft des „NS“ selbst gezweifelt. Seine Aussagen bis kurz vor seinem Untergang, als die Rote Armee schon vor Berlin stand, beweisen allerdings das Gegenteil.

Der „NS“-Determinismus ist genauso widerlegt wie der Determinismus des Marxismus, schließlich wäre es für Marx nicht vorstellbar gewesen, daß der Sozialismus, von Lenin in Rußland einmal eingeführt, der ja zum (Welt-) Kommunismus hätte führen sollen, 1989 durch die Konterrevolution des – der niederen geschichtlichen Stufe angehörenden – Kapitalismus gestürzt wird. Ebenso war es wohl für die 100prozentigen Nazis bis zum Mai 1945 undenkbar, daß die nun eingeleitete Höherzüchtung des „arischen Herrenmenschen“ bzw. die „Aufnordung“ einmal durch die „Absüdung“ (Oberlercher), die wir derzeit infolge des Siegs der angelsächsischen Mächte im Zweiten Weltkrieg erleben, abgelöst wird.

Willig wirft manche Spekulation darüber auf, warum beispielsweise Hitler und Goebbels gegen Rosenbergs Buch lästerten. Sicherlich läßt sich die Vermutung persönlicher Animositäten und Konkurrenz nicht kleinreden, wie dies die Autorin versucht (ebenda, S. 39). Schließlich wollte Hitler die einzige Quelle, der einzige Messias des „NS“ sein, der seinen Mythos in „Mein Kampf“ erzählt (Willig, ebenda, S. 39), und Goebbels sein Interpret und Trommler. Für einen Parteiphilosophen, ob dieser nun Geisteswissenschaftler oder Architekt gewesen war, war eben kein Platz in der NSDAP.

Der Hauptgrund der Ablehnung von Rosenbergs Hauptwerk durch Hitler lag auch nicht – wie oben dargelegt – in dem Verhältnis zwischen „Glaube“ und „Wissen“, ob diesbezüglich Rosenberg angeblich „schwammiger“ argumentiert hätte als Hitler, sondern Rosenberg war dem Führer einfach zu ehrlich. Rosenberg legte nämlich im „Mythus“ schon 1930, also vor der Machtübernahme öffentlich dar, daß der „NS“ das Christentum entsorgen solle, das ja einer sozialdarwinistisch motivierten rassischen Höherzüchtung im Weg gestanden wäre. Genau darum ging es Hitler ja auch, aber als machiavellistischer Machtpolitiker wußte er, daß er viele Millionen Deutsche vor den Kopf gestoßen hätte, hätte er sich bereits vor oder während des Krieges in Büchern und Reden gegen das Christentum gestellt.

Genau aus diesem Grund mußte Hitler über den offen antichristlichen „Mythus“ Rosenbergs schweigen, der ja schon damals von kirchlichen Vertretern gelesen und – zwischen 1930 und 1933 – öffentlich kritisiert wurde. Erst nach dem „Endsieg“ hätte der „NS“ versucht, das Christentum in Deutschland und Europa durch den „Mythus des Blutes“ zu ersetzen.

Daß Rosenbergs Bedürfnis, eine neue Geschichtsphilosophie zu stiften, einem weit verbreiteten Verlangen nachkam, beweist der Umstand, daß Rosenberg einen Vorgänger, nämlich Housten Stewart Chamberlain, und einen Nachfolger, Herbert Schweiger, gehabt hatte. – Am Ende bleibt für Angelika Willig die Erkenntnis, daß sich, wer sich auf das hohe Roß des Empirismus schwingt, sich selbst an der Qualität der von ihr behaupteten Fakten messen lassen muß.

P. S.: Alfred Rosenberg ist übrigens im „Triumph des Willens“ kurz als Redner zu sehen und zu hören; in Minute 26-27.

Jürgen Schwab

Bücher von Jürgen Schwab:

Die Manipulation des Völkerrechts. Wie die „Westliche Wertegemeinschaft” mit Völkermordvorwürfen Imperialismus betreibt. Kyffhäuser Verlag, Mengerskirchen 2011, 14,95 Euro.

Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 9,80 Euro.

Die „Westliche Wertegemeinschaft”, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 9,80 Euro.

Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro.

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